Review
Gundermann
Im Land der mageren Kühe
Im Land der mageren Kühe
»Hier bin ich geboren, wo die Kühe mager sind wie das Glück.« – Gerhard Gundermann
Vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit für die wirklich interessanten Auseinandersetzungen mit der DDR. Mit so etwas wie der Wirklichkeit, die kaum zu fassen ist, weil sie zu ambivalent ist und deshalb wahrscheinlich der historischen Wahrheit am nächsten kommt. Keine Frage, die Komödien auf dem Weg dahin – sei es Sonnenallee oder Good Bye, Lenin! – waren wichtig, um die bittere Realität mit einer grotesken Note zu würzen und sie dann genussvoll auch gleich wieder auszurülpsen und sie mit so etwas DDR-Fernem wie dem Leben der Anderen noch weiter zu verdrängen. Auffällig dabei war, dass bei diesen »DDR-Bewältigungen« meist die Sicht der »Anderen« dominierte, waren die meisten Filme doch von BRD-sozialisierten Regisseuren verantwortet.
Doch nur knapp 30 Jahre später – was ist das schon? – und alles wird besser. Erst letzte Woche lief der vielschichtige Familie Brasch von Annekatrin Hendel an und jetzt Wolfgang Dresens Gundermann. Ich muss gestehen, dass ich mir nicht viel davon erhofft hatte, gerade nach Dresens letztem so märchenonkelhaften, so fern von der bösen Wirklichkeit der Romanvorlage entfernten Timm Thaler. Doch nichts davon in Gundermann, im Gegenteil: Dresens Gundermann ist so schmerzhaft wirklich und wunderschön wahr wie das in Plasteeimern aus Schkopau herangekarrte Essen im Hallenser Stehimbiss »Kochlöffel« zu DDR-Zeiten.
Die Gründe dafür sind so vielschichtig wie Dresens Film selbst.
Bereits 2006 hat Dresen mit seiner Drehbuchautorin Laila Stieler über das Projekt gesprochen, hat Stieler an Entwürfen geschrieben, gab es Schwierigkeiten, Geldgeber zu finden. Denn wer wollte schon einen Film finanzieren, der einerseits von einem im Westen völlig unbekannten, durchaus systemkritischen Liedermacher handelte, zum anderen aber auch von Gundermanns Stasi-Mitarbeit erzählen sollte, für die dieser sich am Ende selbst vor seinen Fans outete und mit seinen bespitzelten Freunden persönlich auseinandersetzte? Und wer von einem westlich sozialisierten Publikum sollte diesen eigenartigen Lebensweg nachvollziehen können, den Weg eines Künstlers, der anders als Brigitte Reimann (in ihren umwerfenden Tagebüchern großartig nachzulesen) den Bitterfelder Weg, den Versuch, einen durch Arbeit in Industriebetrieben engeren Kontakt von Künstler und Volk herzustellen, nicht aufgab, sondern bis kurz vor seinem frühen Tod 1997 konsequent gelebt hat. Der von seinen Konzerten nach kurzem Schlaf oder direkt in die Frühschicht als Baggerführer im Braunkohletagebau von Hoyerswerda fuhr, in die Stadt, die Brigitte Reimann verlassen hatte, weil sie den Spagat zwischen Arbeit, Kunst und Parteilinie nicht mehr tragen konnte. Für Gundermann gab es diese Möglichkeit nicht; er wollte sein Geld mit »ehrlicher« Arbeit verdienen, um in seiner Kunst nicht korrumpierbar zu sein. Und glaubte trotz aller Widrigkeiten weiter an den sozialistischen Traum, versuchte ihn gar mit konstruktiven Vorschlägen im Arbeitsalltag am Leben zu erhalten (und berichtete wohl auch deshalb einige Jahre der Stasi), scheiterte aber gnadenlos an der Dummheit der Parteikader. Und erkannte nach der Wende schnell, dass sich der ehemalige Osten auf einer Reise vom Regen in die Traufe befand: »Hier sind wir alle noch Brüder und Schwestern, hier sind die Nullen ganz unter sich. Hier ist es heute nicht besser als gestern und ein Morgen gibt es hier nicht.«
Doch Dresen und Stieler gelingt es nicht nur, ihren Gundermann in all seinen ideologischen Widersprüchlichkeiten schmerzhaft und berührend aufzufächern, sondern auch sich dem DDR-Alltag zu nähern, dem Arbeiteralltag wie dem des Künstlers gerecht zu werden, und dabei mit ethnografischen Details zu operieren, die kein BRD-Regisseur hätte einbringen können. Details, die nicht plakativ, sondern poetisch uneindeutig und deshalb so wirklich und endgültig wirken, als wären wir auf eine Zeitreise in die DDR mitgenommen und hätten keine Chance auf eine Rückkehr in unsere wohlbehütete Gegenwart.
Und vielleicht liegt hier tatsächlich die wahre Stärke von Dresens Film: die damalige Realität derartig zu kristallisieren, dass tatsächlich zum ersten Mal so etwas wie Empathie aus unserer überheblichen Perspektive heraus möglich ist, selbst für eine Lebenslinie, die nicht nur ihre glänzenden Seiten, sondern auch ihre graubraunen, rostzersetzten hatte.
Ein Grund, dass Dresen dies gelungen ist, mag sicher sein, dass Dresen und Stieler Zugang zu Gundermanns Baggerbändern hatten, tagebuchartigen Notizen, die er während seiner Schichten, hoch schwebend über der unfassbaren, an dystopische Science Fiction erinnernden Landschaft des Tagebaus, in ein Diktiergerät sprach, wo Songfragmente, ganze Lieder ebenso zu finden sind wie Kilometerangaben und Tankrechnungen für die Fahrten mit seinem Auto.
Und dann ist da Alexander Scheer, der Gundermann in seiner mal linkischen, verdrucksten, mal lebensfernen, dann wieder dem Leben zugewandten, quirligen Seite derartig verrückt verkörpert, dass man gar nicht mehr aufhören möchte ihm zu folgen. Und der Gundermanns Lieder so wuchtig einspielt, dass man sich dem Film den Erfolg wünscht, den er verdient, und Scheer mit diesen Songs genauso auf Tour gehen möge, wie es Dresen, Prahl & Band seit einem Tribut-Konzert für Gundermann schon seit Jahren machen. Denn nicht nur Scheer, auch die Lieder Gundermanns haben es verdient. Sie sind so wie Dresens Film, kaum zu greifen. Will man sie wegen ihrer wunderbaren Poesie festhalten, haben sie sich durch ihre überraschende Kraft einem auch schon wieder entwunden.