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Review

Hacksaw Ridge – Die Entscheidung

Zeit für Moral

Den Zufall nicht dem Wahnsinn überlassen

Zeit für Moral

»Ebenso zufällig wie ich getroffen werde, bleibe ich am Leben. Im bomben­si­cheren Unter­stand kann ich zerquetscht werden, und auf freiem Feld zehn Stunden Trom­mel­feuer unver­letzt über­stehen. Jeder Soldat bleibt nur durch tausend Zufälle am Leben. Und jeder Soldat glaubt und vertraut dem Zufall.« – Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues

Es ist zum Kotzen. Und weniger drastisch, weniger umgangs­sprach­li­cher geht da einfach nicht: kaum sterben die letzten Zeit­zeugen des Zweiten Welt­kriegs, geht es wieder los. Wird mit der gleichen verbrästen Hau-Kaputt-was-schwierig-ist-Moral über popu­lis­ti­sche Pattern die Grundlage geschaffen, die bislang fast immer in der mensch­li­chen Geschichte zu bewaff­neten Ausein­an­der­set­zungen geführt hat. Was bleibt also, wenn die letzten, leben­digen, mora­li­schen Wahn­sinns­bremsen in ihre Gräber gebettet werden? Der Film und viel­leicht die Literatur, aber wen erreicht die noch? Also der Film. Und da viel­leicht am ehesten die Filme von jenen, die dem Wahnsinn selbst am nächsten gewesen sind oder immer noch sind, die selbst ein Stück Zeit­zeugen in sich haben oder einen völlig anderen, unbe­re­chen­baren Bezug zum Thema: Cimino, Coppola, Kubrick, Spielberg und – auf jeden Fall Mel Gibson.

Dabei ist Gibson alles andere als ein Wunsch­kan­didat. Weder für Hollywood noch für einen moralisch aufrich­tigen Menschen. Denn Krieg in seinen zahl­rei­chen Facetten war im Grunde immer auch Gibsons Geschäft. Sei es als Schau­spieler in Mad Max, Gallipoli, dem Lethal Weapon-Franchise oder später als Regisseur in Brave­heart oder Apoca­lypto. Explizite Gewalt war dort immer auch ein notwen­diger Teil von Freund­schaft, Teil eines ein wenig anrüchigen, dann und wann auch ironisch gebro­chenen Mann-Seins. Und im Grunde genauso wenig fassbar wie Gibsons Leben selbst. Seine Probleme mit Alkohol kontras­tierten schon früh mit seinem hinge­bungs­vollen katho­li­schen Glauben, der genauso hinge­bungs­voll Abtrei­bung hinter­fragte oder anti­se­mi­ti­sche und anders­wei­tige rassis­ti­sche State­ments inklu­dierte. 2006, im Jahr seines erstaun­li­chen Erfolges mit Apoca­lypto eska­lierte diese schwie­rige Melange über eine harmlose Poli­zei­kon­trolle zu Gerichts­pro­zessen bezüglich seines Alko­hol­kon­sums und anti­se­mi­ti­scher Äuße­rungen, die Scheidung von seiner lang­jäh­rigen Partnerin Robyn und einem weiteren Bezie­hungs­de­saster, zu einer Ächtung von Gibson in Hollywood. Hacksaw Ridge kann deshalb als Versuch Gibsons betrachtet werden, über ein filmi­sches Comeback wieder in Gnaden aufge­nommen zu werden.

Sollte sich Gibson bis zu den Oscar-Verlei­hungen nicht eine weitere politisch wie moralisch inkor­rekte Eskapade leisten, sollte dieses Comeback gelingen; nominiert ist er als bester Film und Regisseur immerhin schon. Denn man mag von Gibsons bizarren Glaubens- und Männer­vor­stel­lungen halten was man will – wie es ihm in Hacksaw Ridge gelingt seine Glau­bens­vor­stel­lungen, die er bereits in einer betont gewalt­tä­tigen Variante explizit in dem kontro­versen Jesus-Exor­zismus The Passion of the Christ dargelegt hatte, mit einer histo­risch verbürgten Lebens­linie aus dem Zweiten Weltkrieg zu verschmelzen, ist schlichtweg atem­be­rau­bend.

Dabei sah es lange nicht so aus, als ob die Geschichte von Desmond Doss überhaupt jemals filmisch umgesetzt werden würde. Denn Doss hatte sich lange dagegen gewehrt, dass seine Welt­kriegs­er­fah­rungen im Einklang mit seinem über­zeugten 7th-Adventist-Glauben korrekt darge­stellt werden könnten. Die Beson­der­heit von Doss war dabei vor allem, dass er sich zwar zum Krieg meldete, aber bereits im Ausbil­dungs­lager dagegen wehrte eine Waffe in die Hand zu nehmen und darauf bestand, einem Sanitä­ter­trupp zuge­wiesen zu werden. Um Leben zu retten statt Leben zu nehmen. Gibson stellt diese für sein bishe­riges Werk unge­wöhn­lich pazi­fis­ti­sche Grund­hal­tung zusammen mit dem Glauben ins Zentrum seines Films, bettet sie jedoch sowohl in eine Liebes­ge­schichte als auch in das verbürgte Geschehen während der Schlacht am Hacksaw Ridge auf Okinawa ein. Dabei kontras­tiert die Schönheit und der Wille von Doss Glauben auf fast schon bizarre Art und Weise mit dem hasser­füllten Glauben und Willen seiner Umgebung. Vor allem diese Szenen, gerade in der über­zeu­genden schau­spie­le­ri­schen Umsetzung von Andrew Garfield, erinnern aber auch an einen anderen großen »naiven« Pazi­fisten des ameri­ka­ni­schen Kinos, an Tom Hanks Inter­pre­ta­tion von Forrest Gump in Zemeckis gleich­na­migen Film. Doch anders als Gump lässt sich das Verhalten von Doss nicht mit einem niedrigen IQ entschul­digen. Doss rettete »seine« 75 Soldaten aus reli­giöser Über­zeu­gung und es gab ihn wirklich.

Gibson zeigt diese Wirk­lich­keit mit all der Schärfe und mit all der grausamen Wucht, zu der Krieg mit seinen will­fäh­rigen Helfern fähig ist. Aber ich denke, mehr noch als der abschre­ckende Wahnsinn der Schlacht um Okinawa am Hacksaw Ridge, ist es Gibsons mora­li­scher Impetus, der zählt. So wie der Sozi­al­psy­cho­loge Harald Welzer in seinen Forschungen nach­ge­wiesen hat, dass es durchaus möglich war sich an befoh­lenen Massen­er­schießungen im Zweiten Weltkrieg nicht zu betei­ligen, so erinnert uns Gibson, dass dieser Wider­stand auch in den Schlachten des Zweiten Welt­kriegs möglich war. Und was damals möglich war, auch heute mögilch ist, egal welchen Glaubens man ist. Und nicht alles dem Wahnsinn des Zufalls über­lassen werden muss.