Review
Halloween H20
Generationswechsel unter dem Messer
Generationswechsel unter dem Messer
oder: Bringt mir den Kopf von Michael Myers
Vor fast 40 Jahren war es, da floh Janet Leigh (in der Rolle der Marion Crane) mit geraubten $40.000 in der Handtasche aus Phoenix, tauschte ihren Wagen gegen einen Ford mit dem Kennzeichen NFB-418 und machte schließlich – übermüdet und durch strömenden Regen orientierungslos geworden – Station in einem kleinen, abgelegenen Motel. Das Motel gehörte einem gewissen Norman Bates, und was der mit der Frau unter der Dusche anstellte, ist Filmgeschichte.
Mit Psycho hatte Alfred Hitchcock eine neue Ära des Horrorfilms eingeleitet, eine neue Art des Monsters geschaffen. Er hatte gegen die Regeln des Mainstream verstoßen, soweit er innerhalb des Mainstream nur konnte. Und er hatte – im selben Moment, wo er sie auf der Höhe absoluter Virtuosität zelebrierte – die Mechanismen des klassischen, paternalistischen Erzählkinos
bewußt offengelegt und untergraben.
Es war das Ende der satten, braven, sauberen 50er.
Vor 20 Jahren war es, da war Janet Leighs Tochter Jamie Lee Curtis (in der Rolle der Laurie Strode) an der Reihe, von einem messerschwingenden Psychopathen verfolgt zu werden. Ein gewisser Michael Myers war aus der Irrenanstalt geflohen und in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt, um dort alles an Teenagern niederzumetzeln, was gegen konservative, puritanische Werte verstoßen wollte. Die Protagonistin durfte überleben – aber nur in Angst vor Michael, der für immer
irgendwo auf sie lauern würde.
John Carpenter hatte mit Selbstreflexivität nicht viel am Hut. Sein Halloween war eine kompakte, perfekt geölte Schockmaschine, die die Figur des Psychopathen zurückholte ins Reich mythischer Monster, und die das Genre des Teenie-Slasher-Films begründete – das den amerikanischen Jugendlichen wieder Angst vor Sex, Drogen und Rebellion beibrachte.
Daddy was back in business.
Es war das Ende der hedonistischen, experimentierfreudigen, liberalen 70er.
Im Jahr 1998 steht ein weiterer Generationswechsel an.
Laurie Strode – die nun unter dem Namen Keri Tate lebt – ist mittlerweile Mutter eines 17-jährigen Sohns (Josh Hartnett). (Ob’s bewußt besonders clever oder schlicht schlampig von den Filmemachern ist, daß es keine Tochter ist? – Ich bin mir nicht sicher.) Die Lektionen, die ihr Michael erteilt hat, haben offenbar gefruchtet: Sie ist nicht nur streng darauf bedacht, ihren eigenen Junior von allen
vermeintlichen Lastern fernzuhalten – sie ist auch noch Leiterin eines Internats für reiche Zöglinge, in dem sie für Zucht und Ordnung sorgt.
Doch hinter der autoritären Fassade hat sich wenig geändert: Auch nach 20 Jahren ist Jamie Lee Curtis – ihr allererster Auftritt in Halloween H20 beweist es gleich – die scream queen geblieben. Die Angst sitzt immer noch tief; Laurie/Keri weiß, daß die Geschichte noch immer kein Ende gefunden hat.
An jeder Ecke meint sie, Michael zu sehen; kaum eine Person in dem Film, die sie nicht irgendwann einmal in einer Sinnestäuschung für ihn hält. (Bezeichnend oft aber erscheint ihr ihr Freund (Adam Arkin) als der maskentragende Mörder.)
Der Film ist derart vollgepackt mit »Falscher Alarm«-Schocks, daß diese anfangs nervende Taktik mit der Zeit einen eigenartig bedrückenden Effekt hervorruft: Alles in der Welt dieses Films, egal wie harmlos, kann uns erschrecken, kann kurzfristig
den Platz der zentralen Bedrohung einnehmen – und man beginnt sich zu fragen, ob die Erleichterung nach dem Moment des Erkennens nicht eine voreilige ist; ob wir tatsächlich nur einer Verwechslung aufgesessen sind, oder ob sich nicht etwas Tieferes über die Menschen und Dinge in dieser Welt enthüllt hat: Das Böse steckt in allen und allem.
Aber es ist klar – auf Dauer bleibt es nicht bei falschem Alarm, die Inkarnation des Bösen muß auf den Plan treten. Michael ist mal
wieder zurück, und er bleibt sich treu: sein großer Auftritt beginnt, als es zwischen Keri/Laurie und ihrem Freund gerade so richtig zur Sache zu gehen scheint.
Doch diesmal ist der Moment gekommen, wo diese Frau genug von ihrer ewigen Opferrolle hat und erbarmungslos zurück schlägt – und sich endlich auch nicht damit zufrieden geben will, Michael scheinbar tot am Boden liegen zu sehen. Aber kurz vor dem finalen coup de grace wird sie gestoppt. Nicht zufällig ist es ein
Hobby-Schriftsteller, der sie im letzten Moment davon abhält – einer, der sich von seiner Freundin am Telefon ständig erklären lassen muß, daß seine Testosteron-getränkten Schundroman-Vorstellungen von Sex aus weiblicher Sicht alles andere als überzeugend sind. (Seltsam schräg gegen das wohl beabsichtigte Bild des Autors – dessen, der die Macht über die dominanten Texte hat – steht, daß es sich hier ausgerechnet um einen Schwarzen handelt. Da waltete bei den
Filmemachern mit ziemlicher Sicherheit nicht Cleverness, sondern Profitdenken: Wahrscheinlich hatte man für L.L. Cool J. keine andere Rolle mehr frei und wollte auf den zugkräftigen Namen nicht verzichten.)
Aber Jamie Lee Curtis läßt sich diesmal nicht so leicht aufhalten – sie will da raus, aus diesem ewigen Kreislauf. Und sie weiß: solange Michael noch seinen Kopf voll mörderisch reaktionärer Ideen auf den Schultern hat, kann nicht Schluß sein. »Off with his head« (und
damit symbolisch auch einem anderen Teil spezifisch männlicher Anatomie) muß die Parole lauten.
Es ist das Ende der 90er. Aufbruch in ein neues Jahrtausend?
Ob der Ausstieg gelingt, bleibt fraglich. Keri Tate hat eine Sekretärin, die Norma heißt (get it?) und zwischendurch mal was von verstopften Abflüssen in der Mädchendusche erzählt. Gespielt wird sie von Janet Leigh. Mit einem mütterlichen Ratschlag verabschiedet sie sich von Jamie Lee – und aus dem Film. Sie steigt in ihr Auto und fährt davon. Es ist ein vierzig Jahre alter Ford – Kennzeichen NFB-418.