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Review

Hannah Arendt

Erotik des Denkens

Auf dem Weg zum Prozess

Erotik des Denkens

In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen mensch­li­cher Verrucht­heit, der wir beige­wohnt hatten – das Fazit von der furcht­baren »Banalität des Bösen«, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.
(Hannah Arendt in: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1986, S. 371.)

Es ist nicht Marga­rethe von Trottas erster biogra­fi­scher Film über eine Frau, die die klas­si­schen Gender-Stereo­typen hinter sich lässt. Aber sind in Rosa Luxemburg und Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen doch immer wieder äußere, d.h. poli­ti­sche bzw. religiöse Fakten hand­lungs­mo­ti­vie­rend, versucht Trotta in ihrer neuen Film­bio­grafie Hannah Arendt etwas völlig neues – nämlich diskur­sives Denken als Hand­lungs­motor und span­nungs­trei­bendes Element zu inte­grieren. Das mag sich theo­re­tisch, schwierig und – lang­weilig lesen. Doch Trotta gelingt im Gegenteil etwas äußerst Unge­wöhn­li­ches: Sie infor­miert eloquent über die deutsche Nach­kriegs­dia­spora in den USA, einen histo­ri­schen und juris­ti­schen Präze­denz­fall, führt in die Arendt­sche poli­ti­sche Theorie ein – und erzeugt damit tatsäch­lich Spannung, berührt und schafft noch etwas ganz anderes. Sie zeigt, dass Denken sexy sein kann.

Doch von Anfang an. Als Hannah Arendt 1961 für den »New Yorker« nach Jerusalem geht, um über den Prozess gegen Adolf Eichmann zu berichten, ist sie bereits eine etablierte Größe. Ihre Studien zum Tota­li­ta­rismus haben ihr weite Aner­ken­nung über die üblichen Fach­kreise hinaus beschert. Anfang der 1950er erhält sie nicht nur die ameri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft und beendet damit die durch das Dritte Reich aufer­legten und zermür­benden Jahre der Staa­ten­lo­sig­keit, sondern bekommt auch eine befris­tete Professur am Brooklyn College in New York zuge­spro­chen. Als Arendt von Eichmanns Entfüh­rung durch den israe­li­schen Geheim­dienst und dem kommenden Prozess erfährt, ist sie intel­lek­tuell derartig elek­tri­siert, dass sie dem »New Yorker« unge­wöhn­lich impulsiv anbietet, davon zu berichten.

Trotta model­liert in diesem einfüh­renden Teil vor allem Arendts Umfeld aus deutschen Exilanten, ameri­ka­ni­schen Akade­mi­kern und Freunden, ihren soge­nannten »Tribe« und skizziert das Normale eines alles andere als normalen Alltags: ihre Lesungen, ihre leiden­schaft­liche Freund­schaft zur Autorin Mary McCarthy (Janet McTeer), ihr ambi­va­lentes Freund­schafts­ver­hältnis zu Hans Jonas (Ulrich Noethen), die zärtliche Kolle­gia­lität zu ihrer Freundin und Assis­tentin Lotte Köhler (Julia Jentsch) und ihre tiefe, sexuell offene Beziehung zu ihrem Ehemann Heinrich Blücher (Axel Milberg) – Freund­schaften als lust­volles Expe­ri­men­tier­feld der eigenen komplexen Neigungen. Und Barbara Sukowa gelingt es souverän, in diesen einfüh­renden – manchmal etwas zu didak­ti­schen – Szenen, wie auch dann im inten­siven Teil des Films, in welchem es um den Prozess geht, Arendts facet­ten­rei­ches Persön­lich­keits­profil zum Schillern zu bringen.

Die histo­ri­schen Film­mit­schnitte des Prozesses, die in und zwischen die gespielten Gerichts­szenen montiert sind, über­ra­schen dabei und wirken zuerst befremd­lich isoliert, doch meistert Trotta diesen Spagat, indem sie Sukowa zu einem faszi­nie­renden schau­spie­le­ri­schen Dialog mit dem histo­ri­schen Material animiert, der zuerst fesselt und dann zutiefst berührt. Denn erst aus diesem Blick­winkel erschließt sich der Skandal, den die zwei Jahre später erschie­nenen Texte im »New Yorker« auslösten, der nicht nur um die inzwi­schen fast schon sprich­wört­liche »Banalität des Bösen« kulmi­nierte, sondern auch um die von Arendt in den Raum gestellte Mitschuld der Judenräte. Dass Arendt die Massen­mord-Thematik zudem mit Ironie versuchte zu bändigen und u.a. anmerkte, dass das Grauen manchmal nur mit einem Lachen zu bewäl­tigen sei, mochten bzw. konnten die wenigsten Leser und noch weniger die Betrof­fenen nach­voll­ziehen.

Der daraus resul­tie­rende Bruch von Freund­schaften, die Angriffe der Medien, Leser, Holocoust-Betrof­fenen und aus dem eigenen univer­sitären Umfeld nehmen den letzten Teil von Trottas Biopic ein. Auch hier gelingt es ihr, aus histo­risch scheinbar staub­tro­ckenem Material eine völlig über­wäl­ti­gende Dramatik zu erzeugen. Allein den über den Film verstreuten filmi­schen »Poesie­al­bu­mein­trägen« (Klaus Pohl) zum Thema Heidegger und seiner lang­jäh­rigen Beziehung zu Arendt, kann, weil zu erratisch angelegt, nur mit Hinter­grund­wissen gefolgt werden. Doch das ist schnell vergessen. In dem fulmi­nanten Ende lässt Sukowa Hannah Arendt mit einer gran­diosen Vertei­di­gungs­rede fast gespens­tisch wieder­auf­er­stehen – und beschwört dabei nicht nur die brillante, große Theo­re­ti­kerin und Rheto­ri­kerin in fast eroti­scher Inten­sität, sondern auch einen Menschen mit der nur allzu selten verteilten Gabe von schlichtweg atem­be­rau­bender Zivil­cou­rage.