Review
Hannibal
Ein paar Schnappschüsse, eine Melodie, ein Duft. Die Stimme, die Erinnerung. Und eine Art Liebesbrief: Wenn der Geliebte fern ist, bleiben von ihm nur Stückchen, Mementos, Spuren. FBI-Agentin Clarice Starling weiß, wie man Spuren verfolgt – und auch wenn sie es nie eingestehen würde: Für sie ist Dr. Hannibal »The Cannibal« Lecter so etwas wie ein Geliebter. Einst haben sie sich tief in die Seele geschaut und haben sich erkannt – nicht im biblischen Sinne, aber der Unterschied war nicht groß.
Doch nichts ist mehr wie damals, als man sich so gefährlich nahe kam, in Das Schweigen der Lämmer (Silence of the Lambs). Clarice ist eine andere (auch im Wortsinn: Julianne Moore ersetzt Jodie Foster), und ebenso die Welt in der sie sich bewegt. Das FBI ist nicht mehr Hort der Aufrechten und Guten – auch die Jagd auf Serienkiller ist nun Teil der freien Marktwirtschaft. Selbst Staatsbeamten gilt statt dem Gebot der Gerechtigkeit das Höchstgebot in Dollar. Und das bietet Mason Verger (Gary Oldman), den Hannibal einst buchstäblich in den Gesichtsverlust trieb. Wie ein Stephen Hawking der Börse rollt er nun gräßlich entstellt durch seinen Landsitz. Sammelt mit perverser Lust Souvenirs an seinen Erzfeind. Und plant bizarre Rache: Er will die Perle Lecter vor die Säue werfen.
Auch der Ton des Films ist ein anderer geworden: So schlüssig und vielschichtig wie der Vorgänger – dieser Essay über’s Sehen und Begehren, über das Kino selbst – ist Hannibal nicht; manchmal spürt man da eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber der Romanvorlage. Viele Details des Buchs sind brav übernommen, ohne dabei jedoch den entsprechenden Kontext zu importieren – zuviel steht da unverbunden und unverständlich im Raum. Ein Film der Mementos eben: Von Lecter, von Silence of the Lambs, vom Roman »Hannibal«. Dafür wird aus dem üppigen Bildungsballast von Thomas Harris bei Ridley Scott sinnfrohe Opulenz: Lecter ist ein Mann mit Geschmack, ein Mann der Alten Welt; sein Aufenthalt in Florenz erinnert an das barock ausschweifende Italo-Horrorkino der 70er; in den Farben, in der Atmosphäre ist da manchmal selbst Meister Argento nicht fern.
Und der Film ist ein Festmahl für die Schauspieler: Mit sichtlichem Genuss schlüpft Anthony Hopkins wieder in seine Paraderolle, lässt keinen Bissen, keinen Tropfen der saftigen Aufgabe unausgekostet – und muss sich doch fast von Oldman die Show stehlen lassen, der auch hinter Makeup-Schichten verborgen noch mehr perverse Freude am Bösen ausstrahlt.
Clarice Starling (nun Beschützerin statt Jägerin) wird da mehr zur Randfigur, zum Katalysator. Starling kommt der Halt abhanden in ihrer sicher geglaubten Welt, ihr Leben wird zur taumelnden Karussellfahrt. In einen Liebesalbtraum schlittert sie schließlich, ein surreales Dinner For Three ohne Angst vor BSE-Risikogewebe. Hannibal zeigt da seine ganze Monstrosität – und unerwartete Verletzlichkeit. Ausgerechnet er, das Monster, ist als einziger in dieser Welt zu einem selbstlosen Akt der Liebe fähig. Und wenn der Geliebte geht, bleibt immer etwas von ihm zurück...