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Review

Happy Welcome

Auf Tour, nicht auf der Flucht

Seifenblasenträume

Auf Tour, nicht auf der Flucht

Es regnet in München. Zwei Frauen und zwei Männer betreten ein Gebäude in der Bayern­ka­serne, finden schnell den Raum, der ihnen zuge­wiesen wurde. In der nächsten Sequenz sieht man, wie sie sich verwan­deln – ab jetzt über­nehmen Waschli, Duda, Mädmoisel und Kuki. Kurz vor dem Auftritt steht das Quartett nahe beiein­ander, um sich gemeinsam zu konzen­trieren. Kein Zweifel: Denen ist es ernst mit dem Spaß.
Georgia Huber, Stefan Knoll, Miriam Buchner und Andreas Schantz sind Profi-Clowns auf ganz beson­derer Deutsch­land-Tour. Frei­willig und ohne von jemandem etwas dafür zu verlangen, machen sie im Sommer 2015 halt in acht Erst­auf­nahme-Einrich­tungen für Flücht­linge. Der Doku­men­tar­film Happy Welcome von Walter Steffen hat sie dabei begleitet.

Sehnsucht nach Schutz und Platz für sich, und wenn es nur wenige Zenti­meter tragbarer Kunst­rasen sind. Sehnsucht nach Ruhe, die nicht aber einkehren will, weil die Zimmer­ge­nossen die Nacht zerschnar­chen. Statt spaßiger Fanfaren Kurt Weill, eher verhalten auf dem Akkordeon: »Mais c'est un rêve, c'est une folie, il n'y a pas de Youkali« … Das Programm der Rotnasen-Truppe ist keine ober­fläch­liche Quatsch­pa­rade. Sie zeigen sich in Situa­tionen, die ihre Zuschauer nur zu gut kennen, denn so sieht deren Alltag in den Erst­auf­nahme-Einrich­tungen seit der Ankunft in Deutsch­land oft aus. Wo viele Menschen auf engem Raum mitein­ander leben müssen, entstehen Konflikte. Diese heben die Clowns in die Welt des Humors mit seinen Über­trei­bungen und richtigem Timing und lösen sie auf neue, uner­war­tete und komische Weise – in einer Kunst-Sprache, die alle verstehen, weil sie keiner versteht.

Für Happy Welcome ist die Tour der Clowns der erzäh­le­ri­sche Rahmen, der schon genug Futter zum Nach­denken gibt: Kinder im jewei­ligen Publikum, die nach grau­en­haften Erleb­nissen lachen und auf Gesehenes spontan reagieren, viele lächelnde Erwach­sene, von denen einige die Auffüh­rung aufzeichnen – mit Handys, die ihnen mögli­cher­weise unterwegs das Leben gerettet haben. Die Intention des Stücks ist gleich­zeitig der Leitfaden für den Film, der über ein »Roadmovie« weit hinaus­geht: So wie seine vier Prot­ago­nisten will auch er Film sein Publikum nicht belehren, sondern Lust darauf machen, andere Wege zu denken und auszu­pro­bieren. Denn er ist vor allem eine Vernei­gung vor den vielen frei­wil­ligen Helfern in den Erst­auf­nahme-Einrich­tungen, die, sozusagen im Laufe der Tour, zu Wort kommen. Ihr Einsatz zeigt, wie unter­schied­lich frei­wil­lige Flücht­lings­hilfe in Deutsch­land aussehen kann – so werden aus den Massen­un­ter­künften, die in den tages­ak­tu­ellen Medien oft mit Worten wie »überfüllt« und »Krise« in Verbin­dung gebracht werden, Schau­plätze indi­vi­du­ellen Einfalls­reich­tums und höchst­wirk­samer Unter­s­tüt­zung. Ob Lern­werk­statt in München, Will­kom­mens­helfer in Halber­stadt oder das Inter­net­café in Meßstetten: Einen Beitrag zu leisten hat überall ein eigenes Gesicht, so wie auch jeder Auftritt der Clowns etwas Beson­deres ist.

Happy Welcome handelt von frei­wil­ligem Enga­ge­ment und ist es auch selbst: Das Projekt entstand ohne Mitwir­kung öffent­lich-recht­li­cher Anstalten und ohne öffent­liche Film­för­de­rung, das gesamte Team um Walter Steffen war mit Hono­rar­rück­stel­lungen einver­standen. Mit ihrem Doku­men­tar­film ist es ihnen geglückt, ein viel­schich­tiges omni­prä­sentes Thema zu einem dichten Teppich zu knüpfen, der dem Gewicht seiner Botschaft problemlos standhält: Animierte Erleb­nis­be­richte der Flücht­lings­kinder und klug ausge­wählte, unkom­men­tierte Situa­ti­ons­auf­nahmen lassen den Zuschauer inne­halten, während die heiter-melan­cho­li­sche Filmmusik und der opti­mis­ti­sche Grundton die nötige Luft zum Atmen geben.

Deutsch­land ist nicht Youkali. Dass es ein schwarz-rot-goldenes Paradies nicht gibt, wissen ihre Zuschauer, aber auch die Clowns selbst. Wenn man einen der Künstler über die Sicher­heit hier­zu­lande sagen hört, für ihn sei sie »nur eine vermeint­liche«, drückt es einen in den Kino­sessel. Nachdem wir jetzt Gewiss­heit haben über das, was während der Dreh­ar­beiten noch eine düstere Vorahnung war, ist es umso wichtiger, das zu unter­s­tützen, wofür sich der Film einsetzt und mit jenen zusam­men­zu­stehen, die dem Grauen schon einmal entkommen konnten. »Will­kom­mens­kultur schützt vor Terror nicht«, stellt Alexander Kissler auf cicero.de schlau fest. Das stimmt zwar. Aber unter­las­senes Enga­ge­ment würde die Gesell­schaft erstens nicht sicherer machen und zweitens denen in die Hände spielen, die sie zerstören wollen. Happy Welcome – jetzt erst recht.