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Review

Hard Powder

Vorsicht, mordender Vater!

Nichts kann ihn aufhalten

Vorsicht, mordender Vater!

Ein myste­riöser Tod und die Suche nach den Mördern gehören schon seit Menschen­ge­denken zum Szenario des Lebens. Auch der norwe­gi­sche Regisseur Hans Petter Moland nimmt in seinem »kana­di­schen« Film (co-produ­ziert haben vier Länder, darunter Norwegen und Kanada) diesen Bereich in Angriff – mit Erfolg.

Hard Powder lässt uns in der kleinen, tief verschneiten Land­schaft bei der Stadt Kehoe versinken. Alles dreht sich um den Schnee­räumer Nels Coxman (Liam Neeson), der sich nach dem myste­riösen Tod seines Sohnes, der angeblich Drogen genommen hat – eine für einen Vater unhalt­bare Unter­stel­lung – auf die Suche nach seinen vermeint­li­chen Mördern macht. Im Laufe des Films defor­miert sich Nels vom Gutbürger, der für Gerech­tig­keit kämpft, zum Selbst­justiz ergrei­fenden, entfes­selten Wutbürger. Auch das plötz­liche Verschwinden seiner Frau hilft bei seiner Suche nach den Mördern nicht weiter. Statt­dessen nimmt er all seine Kraft und Fertig­keiten zusammen und räumt mit seinem Schnee­pflug alles und jeden, der sich ihm vor den Weg stellt, aus dem Weg – buchs­täb­lich.

Hard Powder, der im Original Cold Pursuit heißt (und wieder einmal ein Beispiel für einen irre­ge­lei­tete Verleih­titel darstellt) ist ein Remake von Molands eigenem Film Kraft­idioten (Einer nach dem anderen), den er erst vor vier Jahren reali­siert hat, mit Stellan Skarsgård, Bruno Ganz und Pål Sverre Hagen in den entschei­dende Rollen. Weshalb ein Remake des Origi­nal­films, der im Wett­be­werb der Berlinale lief und viel Aufmerk­sam­keit erhalten hat, notwendig war, kann man nur vermuten. Beide Filme sind action­reich, unkorrekt, schwarz­hu­morig und provokant. Diese Kombi­na­tion macht den Film zu Kult­ma­te­rial. Die Unter­schiede? Liam Neeson ist in Hollywood ange­sie­delt und Stellan Skarsgård kann es mit Hollywood nicht aufnehmen. Sonst unter­scheiden sich die Filme eigent­lich nicht vonein­ander.

Aber sehen wir uns den Film genauer an. Über der action­rei­chen Handlung steht eine allge­meine, mora­li­sche Frage­stel­lung: Ab wann wird Gerech­tig­keit zum unge­rechten Rache­feldzug? Welche Entschei­dungen sind beim Versuch, die Gerech­tig­keit zu erlangen, akzep­tierbar und logisch erklärbar? Nels Fertig­keiten als Schnee­räumer und nach seiner eigenen Aussage, die sich im Gespräch mit seinem guten Freund heraus­kris­tal­li­siert, die »gute Aufmerk­sam­keit bei Filmen«, bieten ihm die Möglich­keit, Aufschluss über das Gesche­hene zu geben. Nachdem Nels ohne Erfolg versucht hat, sich in seiner Garage umzu­bringen, erhält er Infor­ma­tionen von einem jungen Mann, der in der Nacht des Todes seines Sohnes dabei war und überlebt hat. So fällt erstmals der Name eines poten­ti­ellen Mörders: Speedo. Doch Speedo ist nur ein Hand­langer vom eigent­li­chen Auftrag­geber des Mordes. Weitere Versuche bringen Nels immer näher an die Mörder seines Sohnes und ermög­li­chen endlich das Heraus­finden des Auftrag­ge­bers: Es soll Viking sein, gespielt von Tom Bateman.

Szenen mit einem tötenden Nels und dem ster­benden Viking folgen; aller­dings gerät er dabei zwischen die Fronten zweier Mafia­banden. Beide Seiten verdäch­tigen sich gegen­seitig für die Morde, die Nels begeht, und so kommt es zu einer Anein­an­der­rei­hung von Morden, einem Morden in Serie, das nach immer mehr Stei­ge­rung verlang. Ein Fließband von einem Film, wo die fertigen Leichen nur so herun­ter­pur­zeln und den Film episo­disch gliedern. Das kommt trocken und äußerst humorvoll.

Nels macht sich schuldig, mehr und mehr. Doch genau dieser Über­schuss an Gewalt verleiht dem Film auch sein skurriles Kult­po­ten­tial. Am Ende hofft man, dass die Gerech­tig­keit zu ihrem Recht kommt, doch man merkt schnell, dass sie in dieser Konstel­la­tion nicht mehr vorhanden ist, nicht mehr sein kann.

Der visuelle Stil des Films ist ange­messen unter­kühlt. Weiße und farblich zurück­hal­tende Schnee­land­schaften wechseln sich mit Szenen in der wärmenden Stadt ab. Ins Auge sticht das Rot des Bluts in der weißen Schnee­land­schaft, die den Verlust der Unschuld signa­li­siert, Zeichen der Gefahr hinter­lässt, auch der Drohung. Und mitten­drin der Schnee­räumer Nels mit seinem signal­far­benen Pflug in der mit Blut besu­delten weißen Umgebung.

Songs pflastern seinen Weg. Immer werden sie unpassend ange­stimmt, wodurch – »Barbie Girl« – Komik entsteht. Denn, seien wir doch mal ehrlich, eigent­lich ist der Tod eines geliebten Menschen nichts Lustiges und verlangt nach Kondo­lenzen. »Barbie Girl« der dänisch-norwe­gi­schen Eurodance-Band Aqua gehört zu den prägnan­testen Liedern, die je geschrieben wurden, es preist den makel­losen, perfekten Menschen an: »I’m a Barbie girl, in a Barbie world / Life in plastic, it’s fantastic / You can brush my hair, undress me ever­yw­here / Imagi­na­tion, life is your creation« plärrt es, während der Schnee­pflug auf Menschen­jagd geht. Das ist skurril.

Bild- und Tonebene bieten somit ein in sich geschlos­senes System aus Komik, Frus­tra­tion und Gerech­tig­keits­drang. Das Lachen verdrängt die Emotion des Todes. Das ist erdenk­lich derb. Vor Eltern, die den Tod ihrer Kinder auf diese Weise rächen, sollte man sich tunlichst in Acht nehmen.