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Review

Harms

Der Bodensatz des deutschen Films

Genrekino aus Deutschland, ganz bewusst überraschungsfrei

Der Bodensatz des deutschen Films

Er kommt aus dem Gefängnis. Er kann furcht­ein­flößend sein. Er schlägt auch zu, wenn’s sein muß. Er hat eine täto­wierte Träne unter dem Auge und einen verwe­genen Schnauz­bart. Er hat 13 Jahre gesessen, weil er geschwiegen hat. Er verliert nicht viele Worte über seine Haftzeit. Er verliebt sich in eine Prosti­tu­ierte. Er will noch einmal ein großes Ding drehen, die eine Chance nützen, die einem Sechser im Lotto gleich­kommt. Er muß sich seinem Anstifter beugen. Er hält sich an seinen Ehren­kodex und fügt sich in den Regel­kreis von Auftrag und Ausfüh­rung. Er sieht sein Scheitern voraus. Er bleibt aufrecht bis zum Showdown.

Harms ist ein grimmiger Einz­el­gänger und wird von Heiner Lauter­bach durchaus mit Hingabe verkör­pert. Lauter­bach hat sich mit Nikolai Müller­schön zusam­men­getan und ganz ohne Förder­gelder oder Fern­seh­be­tei­li­gung einen Gangs­ter­film gedreht, der sich Anleihen bei den großen Noir-Krimis holt. Nikolai Müller­schön kann auf eine überaus inter­es­sante Filmo­gra­phie zurück­bli­cken.

Seine ersten Regie-Aufträge bekam er in den 80er Jahren, als es um den deutschen Film so trostlos stand wie nie zuvor: Er betei­ligte sich an den letzten schlud­rigen Kino-Aben­teuern der deutsch-öster­rei­chi­schen Produk­ti­ons­ge­sell­schaft Lisa-Film, für die er die Teenie-Klamotten Ein irres Feeling und Schul­mäd­chen ‘84 drehte. Später arbeitete er sich mit den ambi­tio­nierten Thrillern Operation Dead End und Im Sog des Bösen am deutschen Genrekino ab. (Erinnert sich überhaupt noch jemand?) Er koope­rierte viel mit Wolfgang Büld, Carl Schenkel oder auch Eckhard Schmidt, die alle das Genrekino auf ihre Weise hoch­hielten und durchaus Einz­el­er­folge feierten, letztlich aber doch keine großen Spuren hinter­ließen.

Und so verlor sich Müller­schöns Spur seit den 90ern in den Niede­rungen des Fern­se­hens. Ein seltsam-verwe­genes Kino-Comeback feierte er vor ein paar Jahren mit der inter­na­tio­nalen Produk­tion Der rote Baron, der den Weltkrieg-1-Helden Manfred von Richt­hofen mit großzügiger Unter­s­tüt­zung von Schweiger & Schweig­höfer zum Pazi­fisten veredelte. Nun aber schöpft Müller­schön ganz ohne Gremi­en­druck aus all diesen dispe­raten Erfah­rungen und macht sich mit Lust und Laune an einen stil­echten Genrefilm. Mit Stolz erzählen Müller­schön und Lauter­bach im Pres­se­heft, gleich über mehrere Seiten, wie sie sich von keinem ihrer Finan­ziers korrum­pieren ließen und ihre lieb­ge­wor­denen Figuren eben nicht »positiver« gestimmt haben.

Dabei ist Harms ja ein durch und durch regel­kon­formes Heist­movie, das sich plotmäßig ganz bewußt in einer abseh­baren Mechanik fügt, im Grunde also über­ra­schungs­frei bleibt. Ande­rer­seits fällt Harms aus allen Registern, weil es weit und breit keinen Kommissar gibt, weil er mit seinen ausge­sucht ungla­mourösen Schau­plätzen ein durch und durch schäbiges München hervor­kehrt, weil er mit betont klischee­be­las­teten Figuren aufwartet, was allen Darstel­lern sichtbar Freude gemacht hat, allen voran Friedrich von Thun, der als schmie­riger Strip­pen­zieher genüss­lich auftrumpft. Und so sieht man auch darüber hinweg, dass zum blut­rüns­tigen Ende hin die Plot­schraube dann doch überdreht wird. Eigent­lich müßten Filme wie Harms, dem »es überhaupt nicht peinlich ist, daß er ziemlich schäbig müffelt« (Ulrich Kriest im »Film­dienst«) den Bodensatz unserer Film­in­dus­trie bilden.