Review
Harry außer sich
Zurück auf gewohntem Gebiet
Zurück auf gewohntem Gebiet
Klaus Waltz über Harry außer sich
Harry außer sich (Deconstructing Harry) von Woody Allen ist eine gekonnt chaotisch inszenierte, äußerst vielschichtige und damit kluge Komödie um die Liebesnöte des Schriftstellers Harry Block (gespielt von Woody Allen), der seine Charaktere so sehr an reale Personen anlehnt, daß diese ihn am liebsten umbringen wollen.
Beruflich wie privat ist Harry in eine tiefe Lebenskrise geraten: beim Schreiben blockiert und privat frustriert zieht er sich den Unmut seines gesamten sozialen Umfelds zu, weil er alle leicht wiedererkennbar in seinen Büchern vorkommen läßt und deren Geheimnisse preisgibt.
Pillen schluckend und Whiskey trinkend sieht man ihn – in hektischer Kamerafahrt eingefangen – in seiner chaotischen Wohnung seine Neurosen ausleben. Ein vom Leben verunsicherter Mensch.
Auch bildlich gesprochen steht Harry am Abgrund: er sieht sich an den Abgrund seiner Dachterrase gedrängt, als er von seiner Exfreundin Lucy, (der Schwester seiner letzten Exfrau) zur Rede gestellt wird. Sie hält ihm vor, mit dem Leid seiner Familie und den intimen Geheimnissen
seiner engsten Freunde durch die Wiedergabe in seinen Büchern Geld zu verdienen. Ausser sich vor Wut bedroht sie ihn mit ihrer Pistole. Den Tod vor Augen muß er, der ständig quasselnde Harry um sein Leben reden ...
Der zweite Teil des Films liefert einen bizarren und grotesken Roadmovie. Geschildert wird die Fahrt zur Universität, die den Autor zwar vor 30 Jahren hinauswarf, jetzt aber ehren will. Die Fahrt wird zur Zerreißprobe in jeglicher Hinsicht, Harry wird mit all seinen Problemen konfrontiert. Als Folge der Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes und der Erfahrung fehlender Liebe beginnt Harrys körperliche Verwandlung. Jetzt erfährt der Autor das gleiche Schicksal wie schon vor ihm sein Alter ego: er wird »dekonstruiert«, d.h. er ist unscharf. Schwere Alpträume (gespickt mit Filmzitaten im Stile Fellinis) quälen Harry. Erst die mütterliche Fürsorge der befreundeten schwarzen Hure läßt ihn wieder Hoffnung schöpfen.
Die spielerische Balance zwischen Wirklichkeit und Erfindung:
Wie bei Radio Days, The Purple Rose of Cairo und anderen Werken treten auch hier erfundene Figuren in die eigentliche Filmhandlung ein. Jede Romanfigur hat schließlich ein reales Vorbild im Umfeld des Autors und daher kommt fast jede Figur
doppelt vor. Pikanterweise bleiben sie aber nicht sauber getrennt jeder in seinem Bereich.
Thema wird somit das fragile Gleichgewicht zwischen Erfindung und Wirklichkeit.
Das impliziert die Frage, ob Woody Allen wieder von sich selbst erzählt:
Ein doppeldeutig verzerrtes Spiegelbild:
Woody Allen hat sich den Spaß erlaubt, mit Harry Block eine Figur zu schaffen, die genau so ist, wie die Medien Woody Allen in den letzten Jahren charakterisiert haben. Ein Künstler, der trinkt, der drei gescheiterte Ehen hinter sich hat und ständig Psychotherapeuten verschleißt, der seine Freunde für seine künstlerische Arbeit hernimmt und dabei schlecht aussehen läßt und der dauernd über Sex spricht.
Unscharfe Konstruktionen:
Der Höhepunkt und visuelle Leckerbissen ist die bildliche Umsetzung des Leitmotivs des sich auflösendes Charakters.
Uns allen vertraut ist der sich selbst einstellende »Autofocus« einer Videokamera. In Harry außer sich geraten nun sowohl des Autors Alter ego als auch schließlich er selbst »out of focus«. Doch mehr sei hier nicht verraten.
In mittlerweile weit über zwanzig Spielfilmen hat Allen seine künstlerische Genialität unter Beweis gestellt. Seine Werk polarisiert wie kaum ein anderer die Zuschauer: einerseits hat er (besonders in Europa) eine riesige Fangemeinde, die jeden seiner Filme sehnlich erwartet und ihm seine ständigen inhaltlichen Wiederholungen als persönliche Note durchgehen läßt, andererseits können mit seinem hintersinnigen Humor und der Mischung aus Slapstick und entlarvender Ironie ebenso viele Leute nichts anfangen. Dieser Film wird diesbezüglich keine Ausnahme sein.
Es scheint so, als sei Allen mit zunehmendem Alter radikaler geworden, zumindest sind die Charaktere extremer gezeichnet als bisher und sprechen eine sehr derbe Sprache. Allens Dialoge sind noch bissiger geworden, teilweise aber auch bitter, seine Kritik gegen jüdische Traditionen und politische Verlogenheit noch schärfer.
Die zunächst verwirrende Vielzahl der Figuren gehört zum programmatischen Chaos des Films und macht meiner Meinung nach auch einen zweiten Besuch lohnend.
Nach seinem grandiosen Ausflug in die Welt des Musicals mit Everyone Says: I Love You im letzten Jahr begibt sich Woody Allen mit Harry außer sich wieder auf gewohntes Gebiet: er bietet den Zuschauern erneut eine Variation der Themen an, die man aus seinen genialen Komödien kennt: sexuelle Wirrungen, pure Lebenslust, gescheiterte Ehen, böse Familienintrigen, übertriebene Religiosität, lustvoller Ehebruch, zwanghafte Triebhaftigkeit und das äußerst anregende Verwischen von Wirklichkeit und Fantasie. Und so bleibt als Fazit:
Harry außer sich gehört mit zu den allerbesten Filmen, die Allen gedreht hat. Hervorragende Schauspieler, ausgefeilte Dialoge, eine raffinierte Konstruktion und die Kluge und doch letztlich kurzweilige Unterhaltung mit viel Witz lohnen den Gang ins Kino!