Review
Heirate mich – Casate conmigo
»Wach auf, Junge«, sagt der alte Kubaner, der neben Erik am Straßenrand hockt. »Für die Frau bist du bloß ein Sechser im Lotto«. Aber Erik will nicht aufwachen. »An diesem Tag in der Disco habe ich die Frau kennengelernt, die ich liebe«, sagt er und steckt Gladis den Verlobungsring an den Finger. »Auch ich habe an diesem Tag jemanden getroffen«, sagt Gladis. »Ich habe jemanden getroffen der mich liebt, und der meinen Sohn liebt«. So fängt es an und so wird es bleiben: Die Liebe bleibt einseitig – zumindest verbal.
Gladis: lebenslustig, temperamentvoll, streitlustig, kubanisch.
Erik: bis über beide Ohren verliebt, egozentrisch, pedantisch, deutsch.
Während Erik im fernen Deutschland bei Ikea ein romantisch quietschendes Eisenbett kauft, nimmt Gladis Abschied von Kuba und den Freunden. »Du hast Glück gehabt«, sagt die Freundin, »der liebt dich wirklich. Sonst wollen die Männer doch bloß ins Bett mit einem«. Hinzu kommt: Erik ist keiner von den fetten, alten Kerlen, die nach Kuba reisen, um sich eine junge, heißblütige Kubanerin zu angeln. Doch der Deal bleibt der gleiche: Exotik, Erotik und Lebensfreude als Tauschware für materielle Sicherheit und ein Leben jenseits der kubanischen Grenze. »Los leg, den Arm um sie«, komandiert später eine von Gladis Freundinnen, als die zwei für ein Urlaubsfoto posieren. »Schließlich hast Du bei Castro für sie bezahlt«.
Schnell zeigt sich, dass der Preis höher ist, als Gladis klar war. Die Welt, die Erik um sie herumbaut, ist von klaustrophobischer Enge. Ein Reigen von Eifersuchtszenen beginnt und von missglückten Dialogen, weil Gladis mit Nabelschau und Seelenstriptease nichts anfangen kann. »Ich will gar nicht dauernd wissen, was in dir vorgeht«, brüllt sie bei einem Streit. So hatte auch Erik sich die Sache nicht ausgemalt.
Dies ist nicht nur ein Film über den Zusammenprall von Kulturen, dies ist auch ein Film über die Probleme zweier Menschen, unterschiedliche Vorstellungen und Träume unter einen Hut zu kriegen, Enttäuschungen zu überwinden und wieder aufeinander zuzugehen – Probleme also, die es in jeder Partnerschaft gibt.
Der Film ist zweifellos gut gemacht. Jede Szene ein Treffer. Jedes Wort ein Schlag ins Gesicht. Als die Beamtin von der Ausländerbehörde den Stempel aufs Visum drückt. Bei der Einschulung von Gladis kleinem Sohn. Als sie einen Schwangerschaftstest macht. Die Kamera ist in jedem entscheidenden Moment ganz dicht dran – mitunter viel zu dicht. In dieser ungeheuren Nähe liegt die größte Stärke des Films und gleichzeitig seine problematischste Seite. Immer öfter macht sich Unbehagen beim Zuschauer breit, der zum unfreiwilligen Zeugen eines ständig schwelenden Ehekrachs wird. »Wenn wir bei einem Streit aufhören wollten zu drehen, haben die beiden uns aufgefordert weiterzumachen«, versichern Uli Gaulke und Jeanette Eggert, die Regisseure des Films. Aber entbindet sie das ihrer Verantwortung für die Protagonisten? Besonders Erik kommt bei der Sache gar nicht gut weg: Er selbst habe sich in den Film wiedergefunden, beteuern die Regisseure. Das glaubt man ihnen angesichts von Eriks egozentrischem Naturell aufs Wort. Doch bei 80 Stunden Material waren sicher auch Momente dabei, die ihn in einem etwas sympatischeren Licht hätten erscheinen lassen. Diese hat die Regie wohl bewusst der Dramaturgie geopfert. Und die Tatsache, dass Erik auch das wieder einmal nicht zu merken scheint, rechtfertigt nicht, ihn derart bloßzustellen. »Man muss die Menschen mögen, das ist das ganze Geheimnis«, hat Dokumentarfilmer Gerd Kroske letztes Jahr in Leipzig gesagt. Dass Eggert und Gaulke ihre Probleme mit Erik hatten, tritt in diesem Film jedenfalls offen zu Tage.