Review
Heli
Reiner Nihilismus
Reiner Nihilismus
Das erste Bild zeigt ein Gesicht. Es liegt im Fond eines fahrenden weißen Wagens. Über den Mund ist ein Klebeband geklebt, auf die Wange drückt ein Herren-Stiefel an dem Blut klebt, dessen Träger nicht zu sehen ist. Der Körper des jungen Mannes ist gefesselt. Neben ihm liegt ein anderer junger Mann, der noch übler zugerichtet ist – die Kamera zeigt dieses Schreckensbild in einer einzigen langsamen, das Bild öffnenden Drehung. Kurz darauf hängt der zweite Junge tot an einer Straßenbrücke. Der andere überlebt. Es ist, das erfährt man bald, Heli, die Titelfigur des Films.
Dieser Auftakt sagt schon fast alles über die Welt in der Heli spielt: Willkür, Gewalt und Bedrohung sind hier permanent und unbegrenzt.
Dann geht der Film zeitlich einige Tage zurück. Innenansichten einer armen Familie auf dem Land, später erfahren wir, dass es sich um den mexikanischen Bundesstaat Guanajuato handelt. Heli ist, obschon erst 17 bereits verheiratet und Vater eines Söhnchens. Er arbeitet in einer Autofabrik. Gemeinsam mit der
Familie leben auch sein Vater und seine Schwester Estela. Die zwölfjährige Estela hat einen Freund, Beto. Der ist bereits 17, und plant, gemeinsam mit Estela in eine bessere Zukunft zu fliehen. Beto ist Kadett in der lokalen Polizeikaserne.
Der mexikanische Regisseur des Films, Amat Escalante (Los Bandidos) entfaltet dieses Panorama in ruhig und präzis erzählen Momentaufnahmen, die zugleich entspannt sind und dabei überaus dicht viele Informationen transportieren, deren Bedeutung sich oft erst rückblickend erschließt. Zugleich erfährt man viel über Land und Gesellschaft. Etwa wenn wir das Polizei-Training beobachten, in dem Demütigungen alltäglich sind, und das von einem US-amerikanischen Coach angeleitet wird. Oder wenn Betos Vorgesetzte zunächst zu einer langen, pathetischen Rede medienwirksam vor Journalisten einen Haufen Drogen verbrennen, und dann dieses später zynisch kommentieren.
Um seine Flucht zu finanzieren, lässt sich Beto auf einen Deal mit dem Drogenkartell ein, der bald die Hölle auf Erden entfesselt: Unglückliche Zufälle, Ungeschick und Dummheit führen dazu, dass Heli, der für Estela eine Art Ersatzvater ist, die versteckten Drogen findet, sie zerstört, und ihr karges Haus bald darauf von einer Polizeieinheit gestürmt wird, die wiederum mit einem Mafiakartell im Bund ist. Schnell eskaliert alles, der Vater wird getötet, Heli, Estela und Beto gefangen genommen.
In diesem zweiten Film-Drittel zeigt Escalante brutalen Folterszenen. Es zeigt sie allerdings ohne jeden Anhauch von Exploitation, aus dem Blick der Folternden und ihrer am Ort des Geschehens anwesenden Kinder. Erkennbar geht es dem Regisseur um ein Panorama der Wirklichkeit und eine Anklage ihrer Schrecken. Auch zeigt Escalante bezeichnenderweise mit keinem Bild, was der kleinen Estela widerfährt. Alles mündet in die Szenen des Anfangs: Beto baumelt ermordet an der Brücke, Heli wird freigelassen. Estela später auch.
Das letzte Drittel schildert die Folgen des Geschehens für Beto und seine Familie, ihre Angst vor der Wahrheit und den staatlichen Institutionen, und Betos Rache. So vervollständigt der Film seine Passionsgeschichte um den Verlust der Unschuld, um moralische Korruption, und Angst vor der Wahrheit. Sie ist gleichzeitig vollkommen zeitlos wie brennend aktuell. Denn natürlich schreibt Escalante seine Handlung auf die Verhältnisse der mexikanischen Gegenwart zu; auf eine Gesellschaft, in der die Männer nach wie vor den Ton angeben, in der das Selbstbild dieser Männer aber vor allem durch verübte wie erfahrene Gewalt bestimmt wird, und zugleich Ohnmachtserfahrungen an der Tagesordnung sind.
Lorenzo Hagermans Kamera ist bestechend. Wie der Film auch sonst verbinden seine Bilder Originalität mit Engagement, Stilisierung und Formbewusstsein. Escalantes Blick auf die Welt ist beobachtend und mit großer Präzision und Rationalität inszeniert. Das Ergebnis ist reiner Nihilismus. Allerdings weder moralischer noch ästhetischer, er ist einfach das Ergebnis einer Bestandsaufnahme. »Heli« ist ein hartes, auch ästhetisch gewagtes, sperriges Drama. Es überzeugt durch Konsequenz, aber auch als Sinnbild der gesellschaftlichen Katastrophe, die sich im vom Drogenkrieg geplagten Mexiko gerade ereignet. Und es bekräftigt, wie stark das mexikanische Kino gerade ist. In Cannes bekam Escalante 2013 die Silberne Palme für die »Beste Regie« – völlig verdient.
Das Schlussbild zeigt die Familie noch einmal im Haus. Heli, seine Frau und Estela erleben Erleichterungen und so etwas wie Glück. Sonnenschein. Der Wind streicht durchs Haus, Frieden.