Skip to content

Review

Hell or High Water

Komme was wolle

Die Seele eines verwundeten Landes

Komme was wolle

Film ist immer auch »eine Art von Mikro­kosmos«, in dem sich »das Bild einer Kultur wieder­finden lässt, und zwar derje­nigen selbst, deren Produkt er ist.« So hat es der Soziologe Alphons Silber­mann 1980 betont und in diesen Tagen gibt es viel­leicht keinen Film, der dieser Prämisse besser entspre­chen würde als David Macken­zies Hell or High Water. Ein Film, der nicht nur den Sprung weg von der 2012er Blacklist der besten unver­filmten Dreh­bücher geschafft hat, sondern dem nach einem uner­wartet erfolg­rei­chen Arthouse-Film-Start in den USA ein landes­weiter Kinostart vergönnt war und der dort zu einem der erfolg­reichsten Inde­pen­dent-Filme des Jahres 2016 avan­cierte.

Macken­zies Mikro­kosmos ist das westliche Texas, dessen offi­zi­elle, mediale Leitwerte immer noch für das stehen, was Amerika groß gemacht hat – Weite, Freiheit, Pferde, die Familie, Erdöl und die Chance, es zu etwas zu bringen, egal, was man macht. Wie weit es darum tatsäch­lich bestellt ist, sehen wir gleich in der ersten Einstel­lung von Hell or High Water, einer gran­diosen Kame­ra­fahrt im vollen 360°-Winkel, die über einen fast lyrischen Kern die ganze Geschichte vorweg­nimmt: eine tote Klein­stadt voll verwaister Läden und einer Kirche, die lebloser nicht wirken kann. Das einzige, was noch zu funk­tio­nieren scheint, ist eine Filiale der »Texas Midlands Bank«. Die schon im nächsten Moment von den Brüdern Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) über­fallen wird. Und einen Moment später, auf ihrer Flucht, sehen wir, dass es auf dem Land auch nicht viel besser aussieht als in der Stadt. Groß­pla­ka­tige Anzeigen offe­rieren Schnell­kre­dite, die wenigen noch exis­tie­renden Farmen wirken verlassen, ab und an sehen wir die Drill-Pumpe einer Erdöl­för­der­an­lage. Das sind Bilder, die der Wucht und Tristesse von Andrea Arnolds American Honey kaum nach­stehen. Bemer­kens­wert­weise ist wie Arnold auch Mackenzie Engländer und mit einem »exotis­ti­schen« Blick ausge­stattet, der ebenso gnadenlos ist wie Wim Wenders Blick auf sein Texas in Paris, Texas vor 32 Jahren noch düster-roman­tisch war. Doch Macken­zies Blick inter­es­siert sich weniger für die von Arnold skiz­zierten prag­ma­ti­schen Träume einer verlo­renen Jugend als für die letzte Losung, die bleibt, wenn man seit Gene­ra­tionen alles versucht hat, um einen Weg aus der Armut zu finden, wenn es sich schlichtweg ausge­träumt hat.

Diese Losung heißt temporäre, konzen­trierte und intel­li­gente »Gewalt«. Um schließ­lich das von der Bank zurück­zu­er­halten, was noch zählt. Das verschul­dete Grund­s­tück, auf dem inzwi­schen Öl gefunden wurde. Dieser klas­si­sche »Western«-Stoff wird noch einmal mehr zum Neon-Western, als sich ein Sheriff (Jeff Bridges) mit seinem Kollegen (Gil Birmingham) auf die Suche nach den beiden Bankräu­bern macht. Doch unter dieser Genre-Ober­fläche versteht es Mackenzie, über präzise Dialoge und gnadenlos poetisch foto­gra­fierte Szenen, immer tiefer in die Seele eines verwun­deten Landes zu blicken. Und mit fast jeder Begegnung, jeder Einstel­lung führt uns Mackenzie auch an Trumps erge­benste Wähler heran, deren Befinden Arlie Russell in ihrer Reportage so treffend charak­te­ri­sierte: »The deep story reflects pain; you've done ever­y­thing right and you're still slipping back.«

Wie tief dieser Schmerz reicht, zeigt Hell or High Water vor allem über die Fragi­lität der fami­liären Bindungen. Miss­brauch, erschos­sene Väter und entfrem­dete Kinder. Traumata, die von einer Gene­ra­tion auf die nächste weiter­ge­reicht wurden und werden. Und ähnlich wie in Vince Gilligans Breaking Bad bleibt auch in Hell or High Water letztlich nur Gewalt, um sich von den nicht mehr thera­pier­baren, faulen Teilen der eigenen Misere und Gesell­schaft zu trennen. Auch wenn das bedeutet, sich dabei ins eigene (familiäre) Fleisch zu schneiden.

Handelt Breaking Bad jedoch primär vom Nieder­gang der ameri­ka­ni­schen Mittel­klasse und im beson­deren der ameri­ka­ni­schen Mittel­kas­se­fa­milie, wirft Hell or High Water auch einen Blick darauf, wie es um den Zusam­men­halt der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft und ihrer Klassen bestellt ist, wie tief der Graben zwischen Mittel­klasse und dem, was von der Arbei­ter­klasse übrig geblieben, inzwi­schen ist. Vor allem eine Szene dieses aufre­genden, wunder­schönen und grausamen Films könnte den Zustand des Landes nicht besser beschreiben: Als die beiden Brüder nach einem Banküber­fall in ihrem rampo­nierten Billig-Pickup davon­rasen, werden sie von einer Kolonne glän­zender Mittel­klasse-SUVs verfolgt, dessen Fahrer – allesamt bewaffnet – sich diese Chance auf Lynch­justiz nicht entgehen lassen wollen. Dass es dann doch anders kommt, ist nur eine der vielen subtilen Über­ra­schungen, die Hell or High Water so wertvoll machen.