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Review

Helmut Newton – The Bad and the Beautiful

»Habt euch doch nicht so!«

Filmszene »Helmut Newton - The Bad and the Beautiful«
Gender-Crosser, nur falsch verstanden ein Macho (Foto: Helmut Newton Estate / Filmwelt)

»Habt euch doch nicht so!«

Gero von Boehms schöner Dokumentarfilm über Helmut Newton erinnert an eine leider vergessene Zeit: die Epoche eines unbeschwerten Hedonismus

»Mich inter­es­siert das Gesicht. Der Busen. Die Beine. Das sieht man hoffent­lich auf meinen Fotos. Ich hoffe, man sieht noch etwas mehr – aber Seele? Versteh' ich nicht.«
Helmut Newton

Er trug Blümchen-Hemden, lächelte viel, war immer gut gebräunt, und offen­kundig genoss er das Leben. Für große Teile der Kultur­kritik der 70er Jahre war dieser Mann viel zu gut gelaunt. Und viel zu hedo­nis­tisch. Und viel zu wenig daran inter­es­siert, was die anderen über ihn dachten: »Das, was die Leute sagen: Wenn’s dir nicht gefällt, ist mir voll­kommen schnuppe. Solange es mir gefällt.«

Teile der Kritik beschimpften ihn dafür als egois­tisch, narziss­tisch, ästhe­ti­zis­tisch, ober­fläch­lich. Was sie nicht verstanden: Er war genau das. Zugleich war er aber viel mehr. Und genau mit dieser Kombi­na­tion war er einer der größten Foto­künstler seiner Zeit.

Eine Frau, die in ein Krokodil hinein­kriecht – ist das pervers? Ist das erotisch? Ist das ein Sexobjekt? Ist das eine starke Frau? Es sind solche Fragen, die den faszi­nie­renden Doku­men­tar­film von Gero von Böhm antreiben.

Dieser Film geht weit über das hinaus, was übliche Doku­men­tar­filme tun, denn weder weiß er von Anfang an, was er denkt, verur­teilt oder lobpreist, noch beschränkt er sich darauf – was immerhin schon besser wäre, aber noch lange nicht genug – einfach nur zu zeigen. Nein: Dieser Film stellt Fragen, und er stellt seinen Fragen Fragen. Er entfes­selt damit einen ganzen Asso­zia­ti­ons­raum.

Das liegt auch an seinem Objekt. Denn es ist ein Objekt, das uns heute provo­ziert, das dem heutigen Zeitgeist komplett zuwi­der­läuft. Und das gleich­zeitig von diesem Zeitgeist nicht so einfach in einen seiner vielen geistigen Setz­kästen einzu­ordnen und abzu­schließen ist.
Das hatte in den 90er Jahren schon einmal Alice Schwarzer versucht, und die Heraus­ge­berin der Zeit­schrift »Emma« ist damit kläglich geschei­tert, nicht nur vor Gericht, sondern sogar in der links-alter­na­tiven »taz«, denn Schwarzer begnügte sich nicht mit den üblichen, schon damals billigen Vorwürfen – Sexismus, Rassismus –, sondern besaß die Geschmack­lo­sig­keit, dem 1938 gerade noch der Ermordung entkom­menen Ex-Berliner Juden Faschismus vorzu­werfen.

Im Doku­men­tar­film von Gero von Boehm berichten nun zehn berühmte Frauen, die von Helmut Newton abge­lichtet wurden, von ihren Erfah­rungen vor Newtons Kamera.

Mit dabei ist Charlotte Rampling. Isabella Rossel­lini erklärt, die Bilder seien erschre­ckend und beängs­ti­gend gewesen, aber es habe immer einen humor­vollen Aspekt in ihnen gegeben. Natürlich habe er Frauen auch als Sexu­al­ob­jekte gesehen – aber warum auch nicht?

»Man kann natürlich sagen: das ist sexis­tisch. Man kann aber auch sagen, er hält der Gesell­schaft einen Spiegel vor.« Das meint hierzu Nadja Auermann.

Frauen bei Helmut Newton sind immer stark. Sie sind immer provo­kativ. Sie haben immer das Kommando.
»Ich habe die Situation beherrscht. Ich war nicht das Objekt, ich war dem Foto­grafen gleich­ge­stellt. Ich konnte entscheiden, was ich tun wollte. Die Welt braucht Provo­ka­tion als eine stimu­lie­rende Kraft«, sagt Charlotte Rampling.

Damit ist dieser Film, so wie schon die Foto­gra­fien Newtons auch, ein Statement gegen allzu einfache Wahr­heiten: Was denn Sexismus ist? Wo Sexismus anfängt und aufhört? Was Miss­brauch ist und was große Kunst?
Es ist ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst, für die Freiheit zur Gren­zü­ber­schrei­tung, zur Provo­ka­tion, zur Verlet­zung von Empfind­lich­keiten. Ja, es ist ein Plädoyer gegen allzu große Empfind­lich­keit – tatsäch­lich sagt dieser Film: »Habt euch doch nicht so.« Aber sagt dies nicht zu Frauen, sondern zu den Männern genauso. Er sagt dies zu uns allen.

Dieser Film zeigt übrigens auch, dass Helmut Newton weit mehr ist als nur ein Fotograf von unbe­klei­deten Frauen. Er foto­gra­fierte nämlich auch unbe­klei­dete Männer, beklei­dete Frauen, er foto­gra­fierte Hühnchen in High Heels, Autos, Land­schaften – heute sieht man darin den Zeitgeist der 70er und 80er Jahre. Man sieht eine Zeit, die vergangen ist, und man hat den Eindruck, dass die Tatsache, dass sie vergangen ist, in mancher Hinsicht auch sehr traurig ist.

Es war die Epoche eines unbe­schwerten Hedo­nismus. Eine Zeit, in der es um Politik ging, nicht um Moral; um Kunst, nicht um Anstand; um Haltung, nicht ums Ange­passt­sein an den Zeitgeist. Dies alles zumindest hat die Zeit Helmut Newtons uns voraus.