Review
Herr Wichmann von der CDU
»Wenn se sonst nischt wollen, aber einen Kugelschreiber wollen se alle«, sagt Herr Wichmann. Es ist Sommer 2002 und Herr Wichmann macht Wahlkampf in der Uckermark bei Berlin. Als Direktkandidat der CDU tritt der 25jährige Jurastudent unerschrocken gegen den starken Vertreter der SPD an. Unverdrossen steht er mit seinem rot-weißen CDU-Schirmchen auf Märkten und in Fußgängerzonen, verteilt Faltblätter und Postkarten mit seinem Konterfei. »Eine frische Brise«, fordert er für die Politik der nächsten Jahre und polemisiert gegen die Grünen, die sich »wegen jedem Frosch« dem Fortschritt versperren. Manchmal bläst ihm der vielbeschworene frische Wind dann auch die Broschüren um die Ohren. Wahlkampf ist kein Zuckerschlecken.
Andreas Dresen hat ihn auf seiner Tour durch die ostdeutsche Provinz begleitet. Situationskomik gibt es reichlich in dem Film, der in der Reihe »Denk ich an Deutschland« für das kleine Fernsehspiel produziert wurde. Herr Wichmann ist vergräzt, als beim Drehen eines Werbespots immer wieder Leute stören. »Da kommen sie wieder: schlürf, schlürf, schlürf«, stöhnt der Jungpolitiker. »Henryk das sind deine potentiellen Wähler«, mahnt eine Stimme aus dem Hintergrund. »Nee, die bestimmt nicht«, sagt Herr Wichmann, denn er ist bei allem Optimismus auch Realist. Dass aus ihm bei der CDU was werden kann, das sieht man gleich. Brille im Gesicht, den Kragen hoch geschlossen, blütenweiße Hemden.
»Wenn man einen Kandidaten begleitet, kommt man den Leuten näher. Ich habe gehofft, mit dem Film die Stimmung im Land einzufangen«, beschreibt Dresen die Idee für das Projekt. Vor allem Politikverdrossenheit, Hoffnungslosigkeit, Resignation und Enttäuschung schwappen rüber und werfen dunkle Schatten auf die schönen Sommertage. Deutschland im Sommer 2002, das ist ein Land, in dem junge Familienväter offen ihren Rechtsradikalismus vor laufender Kamera kundtun. Eine tiefe Traurigkeit kommt immer wieder auf, bei den Menschen auf der Leinwand ebenso wie davor. Beim Stimmenfang im Altenheim klagt ein alter Mann, dass er keinen Kontakt zu seiner Familie hat. »Sehen sie, da können sie froh sein, dass man sich hier so gut um sie kümmert«, mahnt Wichmann jovial. Anschließend empfiehlt er der verwirrten Runde alter Leutchen, sich an kleinen Dingen zu freuen. Und dann isst er noch ein Stück Kuchen, denn sonst fällt ihm nichts mehr ein.
Herr Wichmann kann seine Sprechblasen für den Stimmenfang aus dem Effeff: »Zuwanderungsgesetzkippen«, »Frischebrise«, »Perspektivefürdiejugend«. Seine Rede für den Auftritt mit Angela Merkel schreibt er in ein paar Minuten, denn das meiste ist ohnehin das »übliche Blabla«. Wahlen werden heute mit Fernsehpräsenz und Slogans und nicht mit Inhalten gewonnen – diese bittere Wahrheit wird hier transparent.
Dresen zeigt Wichmann nicht als Person sondern als Prototyp. »Wir hätten auch jeden anderen Politiker begleiten können«, sagt der Regisseur. Das Ergebnis wäre ähnlich ausgefallen. Dass Wichmann kein routinierter Polithase ist, macht ihn eher sympathisch. Er weiß, dass das hohle Klappern zum Handwerk gehört. Seine Sache zieht er durch, auch wenn auf der Großveranstaltung auf dem Marktplatz nur wenige Leute gelangweilt in der Sonne hocken. Gegen diese bundesweite Resignation tritt Herr Wichmann an, ein Don Quijote mit Kugelschreiber und Sonnenschirmchen.
Unbeeindruckt von dem Politspektakel quakt derweil auf einer Landstraße in der Uckermark ein Frosch und hält den Fortschritt auf.