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Review

HERRliche Zeiten

Kasperletheater

Mehr Fremdschämen als Lachen

Kasperletheater

»Seid ihr alle da?« Sofort schallt es zurück: »Jahh! Ja! Wir sind da!« Wenn das Krokodil auftaucht, rufen 3- bis 5-jährige wild durch­ein­ander: »Pass auf! Krokodil! Hinter dir! Will dich fressen!« Kasperle guckt in die Luft, fragt ungläubig: »Wo denn?« Die Angst um die Handpuppe mit der roten Zipfel­mütze sorgt für Spannung. Wilde Kinder müssen fest­ge­halten werden. Sonst würden sie die Puppen­kiste stürmen. Sensible vergießen Tränen oder pinkeln in die Hose. Einige durch­schauen den Trick, auf dem das ganze Theater um Kasperle beruht. Sie betteln. »Können wir nach Hause? Bitte, bitte!« Liebe­volle Eltern erlösen ihre Kleinen, führen sie auf Zehen­spitzen aus dem Raum.

Wer HERRliche Zeiten anguckt, darf nicht darauf speku­lieren, dass Mutti ihn auf den Schoß nimmt. Oder dass Vati ein fettes Eis verspricht, wenn man die Vorstel­lung durchhält, ohne zu quengeln. – Dieser Film ist für Erwach­sene, dumm gelaufen.

Dabei hat HERRliche Zeiten mehr Über­ein­stim­mungen mit Kasper­le­theater, als ihm guttut. In beiden Fällen ist der Clou: Alles wird so oft wieder­holt und breit erzählt, bis jeder, aber auch wirklich jeder, es kapiert hat. Egal, ob man erst in der letzten Szene rein­ge­schli­chen ist. Oder ob man Tomaten auf den Augen hat. Und dann... tja, wird es noch mal wieder­ge­käut...

Claus Müller-Todt (Oliver Masucci) ist ein zynischer Schön­heits­chirurg, der den Hals nicht voll­kriegt. Seine Gattin, Evi Müller-Todt leidet unter einem sinn­ent­leerten Leben.
Ihre frisch­ge­ba­ckenen Sklaven, das Ehepaar Bartos (Samuel Finzi) und Lana (Lize Feryn), dagegen haben es faustdick hinter den Ohren.

Eigent­lich steckt in der simplen Grundidee durchaus das Zeug für eine schwarze Komödie über aktuelle Strö­mungen unserer Gesell­schaft. Die Qualen der Freiheit und die Vorteile von Unfrei­heit. Die Kluft zwischen Armen und Reichen. Wo bleibt in Zeiten des Turbo­ka­pi­ta­lismus die Moral?
Ebenso liegt auf der Hand, dass Klischees, Über­trei­bungen und Wieder­ho­lungen komisches Potential in sich bergen. Darum gehören sie zur Grund­aus­stat­tung jeder Komödie und Satire.

Luis Buñuel, Claude Chabrol oder die Brüder Ethan und Joel Coen erzählen seit fast 100 Jahren die alte Geschichte von Normal­bür­gern, die sich als blut­rüns­tige Monster entpuppen. Von schicken Villen, in denen sich Sünden­pfuhle verbergen. In ihren Filmen kann man schmun­zeln, sich selbst wieder erkennen, erschre­cken oder schallend lachen. Wenn einem das Lachen nicht im Hals stecken bleibt.

Warum gibt’s in HERRliche Zeiten wenig zum Lachen, dafür um so mehr zum Fremd­schämen? Obwohl der Regisseur, Oskar Roehler, ein Klischee ans nächste reiht.
Nun, wenn das Niveau über der Gürtel­linie liegen soll, benötigt eine Komödie mehr als ange­strengte Plump­heiten.
Klischees und Stan­dard­si­tua­tionen sorgen dafür, dass man einen Charakter und seine Welt durch­schaut und einordnen kann. Im Sinne von: Aha, der Skla­ven­halter steht für die fiesen Reichen dieser Welt.
Doch Oliver Masucci stellt seine Fiesheit so penetrant zur Schau, dass man ihn nicht mehr als glaub­wür­digen Charakter wahrnimmt. Nicht mal als abschre­ckendes Beispiel. – Als Beispiel geradezu aufdrängen, tut sich der ganze Film: Für eine weitere deutsche Komödie ohne Zwischen­töne, Ironie, Finger­spit­zen­ge­fühl, Timing, Ambi­va­lenz oder Empathie für ihre Figuren.

Das vorherr­schende Gefühl, das die Geschichte um ein Herren- und ein Skla­ven­paar auslöst, ist Häme. À la: Wie blöd sind die denn? Ab und zu geht einem durch den Kopf: So blöd kann man doch gar nicht sein! Abgelöst wird die Scha­den­freude durch brennende Ungeduld: Dauert der Film noch lange?

Das Drehbuch ist die Adaption eines Romans von Thor Kunkel. Es bleibt offen, ob schon der Schrift­steller Humor mit dem Vorschlag­hammer erzeugen wollte. Oder ob’s der Dreh­buch­autor, Jan Gerber, bei der Adaption verbockt hat. Sicher ist, der Regisseur hat das Ergebnis mit der Planier­raupe platt gewalzt.
In Inter­views mimt Oskar Roehler das Enfant Terrible, bzw. das unbequeme Genie. Leider reicht es nicht, wenn man auf Teufel komm raus wild sein will und unan­ge­passt. Man sollte auch etwas zu sagen haben und die formalen Mittel beherr­schen, um es auszu­drü­cken.
In den braven Fernseh-Sketchen von Loriot steckt mehr Relevanz, Subver­sion und Witz. Loriot hatte seine beste Zeit in den siebziger Jahren...

Wie ein Kind, das unter­for­dert vor der Puppen­kiste sitzt, möchte man auch als Erwach­sener vor der Kino­lein­wand rufen: »Ich hab’s kapiert!« Claus ist ein Ekelpaket. Seine Frau, Evi, leidet unter Lange­weile. Ihr Sklave, Bartos, kocht Menüs mit viel Chichi. Die Sklavin Lana ist verdammt sexy. Apropos, mit der Darstel­lung von Erotik verhält es sich ähnlich wie mit dem Humor. Weniger ist oft mehr...

Wer trotz allem durchhält bis zum Schluss, in dem könnte sich ein weiteres Gefühl breit­ma­chen, nämlich Mitleid mit den Schau­spie­lern. Besonders bei Katja Riemann und Samuel Finzi ahnt man, mit einem anderen Drehbuch und einem anderen Regisseur hätte aus der Idee eine mitreißende Komödie werden können.