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Review

Heute bin ich blond

Juhu, juchei, die Chemo ist vorbei!

…und heute mal rot. Wie die Haarfarbe wechselt, so auch die Identität.

Juhu, juchei, die Chemo ist vorbei!

Möglichst ohne K-Wort: Marc Rothemund tut im Krebs­drama Heute bin ich blond mal wieder, was er kann

»Dass Sophie ihre Krankheit besiegen wird, ist aufgrund der auto­bio­gra­fi­schen Buch­vor­lage bekannt – der Zuschauer fiebert trotzdem bis zur finalen Unter­su­chung mit ihr mit.« (»SZ-extra« über Heute bin ich blond)
Nur mal nach­ge­fragt: Ist das denn eigent­lich notwendig was Gutes, wenn der Zuschauer mitfie­bert? Naja, es gibt ande­rer­seits wich­ti­gere Fragen.

Es ist jeden­falls ein ziemlich gutes, ziemlich kraft­volles Buch, das Sophie van der Stap da geschrieben hat. Es zieht einen sofort hinein, auch wenn man das Genre der Krebs- und Krank­heits­bücher doof, über­flüssig und eher für eine Charak­ter­schwäche der Mensch­heit hält.

Lesen würde ich sowas eigent­lich nicht, hab ich aber dann doch, weil man sich eben sofort fest liest und nicht mehr weglegen will,, weil Sophie, Autorin und Haupt­figur nicht nur mit ihren Chemo­the­rapie-bedingt streich­hol­zkurzen Haaren auf dem Cover hübsch aussieht, sondern weil ihr Buch insgesamt eben auch sympa­thisch ist, unkon­ven­tio­nell, ener­gie­ge­laden, kämp­fe­risch und irgendwie.. nun ja: sexy.

Sexyness, das geht mit Krebs aller­dings nur sehr begrenzt zusammen. Und um Krebs geht es in der Vorlage für diesen Film, und da fängt das Problem schon an. Am Anfang ist erstmal Sylvester und sie reißt sich einen Typen auf, hat Neujahrssex, und dann hüstelt sie, und dann nochmal, und dann wissen wir natürlich schon, was jetzt losgeht.

Sophie van der Stap wurde zur Schrift­stel­lerin, weil sie Lungen­krebs bekam, und über den Krebs schrieb. Zuvor studierte sie Poli­to­loge, doch als die Krankheit da war, schrieb sie sich in einem Blog Todes­angst und Alltags­sorgen, Furcht und Hoffnung, die Lange­weile während der Therapie und die vielen ablen­kenden Gedanken von der Seele. Der Titel kommt daher, dass sich Sophie, als ihr während der Chemo­the­rapie die Haare ausfielen, immer neue Perücken zulegte, die sie dann je nach Stim­mungs­lage aufsetzte. Mal war sie die schwar­z­haa­rige Lydia, mal die rotge­strähnte Sue, dann wieder die blond­ge­lockte Daisy. Die Wahrheit ist das viel­leicht, ein guter Einfall in jedem Fall.

Von dieser ganzen Kraft und Qualität bleibt aber bei Marc Rothe­munds Verfil­mung des Buches nur noch die Sexyness und sonst nicht viel übrig, voraus­ge­setzt man steht auf diesen Typ des lang­haa­rigen sauberen Mädchens aus gutem Haus, das vermut­lich in München Kunst­ge­schichte studiert, viel­leicht auch Jura oder Medizin. Muss es ja geben, sowas. Aber nicht im Kino.

Rothemund ist einfach kein guter Regisseur. Er ist solide, er macht hand­werk­lich nichts falsch, das schon. Aber alles, was er macht, ist abgrund­tief konven­tio­nell. Unent­schlossen. Lang­weilig. Es verärgert nicht mal. Keine Spur vom exis­ten­ti­ellen Ernst des Stoffes, dafür Bedeu­tungs­hu­berei, Täuschung.

Rothemund traut sich nicht, das zentrale Motiv des Buches, die Rollen­spiele mit den Perücken und die Stim­mungs­schwan­kungen, um die es da eigent­lich geht, ins Zentrum des Films zu rücken. Dass ein Ex-Model, turned actress, die Haupo­trolle spielt, das auch mit Augen­ringen noch gut aussieht, macht es auch nicht besser.

So verdrängen auch die konven­tio­nellen Seiten des Stoffes die anderen. Der Krebs wird zum Lehrer, der plötzlich sein Gutes hat: Mit dem Krebs kann man auch reden: »Du bist ein Teil von mir. Ich habe so viel durch dich gelernt.« Und schimpfen: »Du Krebs, du hast mir gezeigt, im Jetzt zu leben. Gib mir doch bitte das Morgen wieder.«

Den Leuten von den Zeitungen fallen auch nur Klischees ein. Aber auch wirklich nur: »Ode an das Leben« – das passt immer. »Lebensmut« kann man auch zu jedem Krebsfilm schreiben. »Humor macht stark in schwie­rigen Momenten.« Jaja.
Ist trotzdem alles nur Ideologie: Man soll nicht leiden, nicht verzwei­feln, sondern stark sein und nach der Chemo noch ein bisserl Party machen. Dann ist man ein guter Krebs­kranker. Aber immer noch nicht gut genug: Es muss schon eine hübsche 21-jährge Autorin her, um den Krebs­best­seller zu garan­tieren und ein Model gecastet werden, damit der Krebs auch nie zu hässlich aussieht.

Und in der Vermark­tung des Films soll das K-Wort nicht vorkommen: »Die 21-jährige Sophie (Lisa Toma­schewsky) freut sich unbändig auf ihr Studium und ein party­rei­ches WG-Leben. Doch plötzlich wird sie krank und Behand­lungen sollen ihr Leben bestimmen, Aber Sophie rebel­liert gegen den tristen Kran­ken­hausalltag: Sie will ihr junges Leben genießen, ihre Träume leben, feiern, lachen, flirten, Sex – einfach auf nichts verzichten. Perücken werden dabei zu ihrem neuen Lebens­eli­xier: Mal trotzig selbst­be­wusst, mal roman­tisch verspielt oder kühl erotisch – je nach Haarfarbe und Frisur kommt ein anderes Stück Sophie zum Vorschein. Sie tanzt die Nächte durch mit ihrer lang­jäh­rigen Freundin Annabel (Karoline Teska), verliebt sich in ihren besten Freund Rob (David Rott) und macht ihre ersten Schritte als Schrift­stel­lerin mit ihrem Blog im Internet. Mit der Unter­s­tüt­zung ihrer Familie und viel Humor, Mut und Zuver­sicht streckt Sophie der Krankheit den Mittel­finger entgegen ...«

Klingt schon echt cool oder?