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Review

High-Rise

Ballade ballardesk

Groteske Schnittmenge aus Uhrwerk Orange und Brazil

Ballade ballardesk

Nur den wenigsten Künstlern ist jemals die große Ehre der Adjek­ti­vie­rung ihrer eigenen Namens wider­fahren. Einer von ihnen ist der britische Schrift­steller J.G. Ballard. Das im Engli­schen gebräuch­liche Adjektiv »ball­ar­dian« (dt. »ball­ar­desk«) wird laut Collins English Dictio­nary wie folgt definiert: »Resem­bling or sugges­tive of the condi­tions described in J. G. Ballard’s novels and stories, espe­cially dystopian modernity, bleak man-made land­scapes and the psycho­lo­gical effects of tech­no­lo­gical, social or envi­ron­mental deve­lop­ments«. Wer jemals einen von Ballards Büchern – ausge­nommen sein semi­au­to­bio­gra­fi­sches von Steven Spielberg verfilmtes Buch über den Zweiten Weltkrieg in Shanghai, – wer also jemals einen von Ballards eigen­ar­tigen, bizzaren, sprach­lich wie inhalt­lich provo­ka­tiven, auch Genre-Grenzen über­schrei­tende Science Fiction-Romane gelesen hat, wird sofort wissen, was gemeint ist. Dabei muss man nicht einmal an seinen kontro­versen, von David Cronen­berg adap­tierten, die Grenzen der Sexua­lität auslo­tenden Crash denken, nein, es reicht schon, sich einen Roman wie Crystal World (1966) vor Augen zu führen, in dem unsere technoide Zivi­li­sa­tion langsam in einen kris­tal­linen Zustand überführt wird – eine dysto­pi­sche Bestands­auf­nahme, die nicht nur provo­kativ poetisch, sondern auch zutiefst doppel­deutig ist. Ballards Bücher üben dabei einen ambi­va­lenten Sog aus, der am ehesten mit dem Gefühl zu verglei­chen ist, das einen auf hohen Häusern beim Blick in den Abgrund über­kommen kann: ein gefähr­li­chen Ziehen nach unten, in einen süßen Suizid, der gerade deshalb so süß ist, weil die faszi­nie­rende Höhe einen nicht nur hinab­zieht, sondern gleich­zeitig auch »beflügelt«.

Auch Ballards 1975 erschie­nener Roman »High Rise« verhan­delt den Preis, den wir für unsere techno-huma­no­iden Grat­wan­de­rungen zahlen und variiert dabei Ballards Kernthema aus Crash mit Themen seiner dysto­pischsten Bücher. In dieser Melange aus sich trans­for­miernder mensch­li­cher Psycho­logie und Materie liest sich »High-Rise« deshalb auch heute noch brand­ak­tuell und gilt in der SF neben anderen Werken von Ballard als Vorläufer des Cyber­punks eines Sterling und Gibson. Wohl auch deshalb lag es auf der Hand, diesen lange als unver­filmbar geltenden Stoff nun endlich in einen Film zu über­führen.

Die größte Schwie­rig­keit für Regisseur Ben Wheatley und seine Dehbuch­au­torin Amy Jump scheint dabei vor allem die Umsetzung von Ballards Grund­an­nahme zu sein, dass nichts eindeutig ist. Denn in der ball­ar­desken Vision vom Zusam­men­leben und der Dege­ne­ra­tion einer Gruppe von Menschen in einem Hoch­haus­kom­plex der nahen Zukunft kommt einem kein Prot­ago­nist wirklich nah, weder in seiner Bösar­tig­keit, noch in seinen vermeint­li­chen Versuchen, etwas Gutes zu tun. Wheatly versucht diese Annahme mit über­spitzten Dialogen seines immer wieder mit briti­schem Under­state­ment über­re­agie­renden Personals (u.a. Tom Hidd­leston und Jeremy Irons) zu erfüllen, gerät dabei aber zunehmend in eine groteske filmische – und mora­li­sche – Schnitt­menge aus Stanley Kubricks Uhrwerk Orange und Terry Gilliams Brazil. Eine Schnitt­menge, die zwar reich an ästhe­ti­schen Acces­soires (der 1970er) ist und mit dem von Portis­heads ABBA Cover von »S.O.S« eine elegante Brücke in die Gegenwart schlägt, aber dennoch nicht überzeugt.

Denn zu sehr sind Wheatleys Charak­tere lose Hülsen, deren Handeln nicht einmal dann groß aufregt, wenn sie zu gewalt­tä­tigen Exzessen neigen. Dieses gravie­rende Miss­ver­s­tändnis von Ballards Grundidee, dessen Charak­tere immer Fleisch und Blut haben, denen erst ihr vers­törtes Versinken in unsere alles andere als eindeu­tige Gegenwart und Zukunft ihren mora­li­schen Impetus nimmt, dieses Miss­ver­stehen führt weit weg von der Faszi­na­tion, die Ballards Romane auch heute noch ausstrahlen. Immerhin erinnert High-Rise an Ballard und seine düsteren Visionen, gibt es zwischen lang­at­migen, repe­te­tiven Design- und archi­tek­tur­las­tigen Einstel­lungen dann und wann auch faszi­nie­rende Momente prekärer Amora­lität, gelingen Wheatley Symbiosen aus moderner Beton­ar­chi­tektur und arche­ty­pi­schen mensch­li­chem Wahnsinn, Momente, die aller­dings – kompri­miert und auf mehrere Leinwände gebrochen – besser in einer Video­in­stal­la­tion aufge­hoben wären.