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Review

Hilde

Die Stehauffrau

Das hier ist Hildegard Knef – oder doch Heike?

Die Stehauffrau

Den Sound­track ihres Lein­wand­le­bens hat sie selbst geschrieben. In »Von nun an ging’s bergab«, einem ihrer schönsten Chansons, wirft Hildegard Knef mit viel Witz und Sarkasmus Schlag­lichter auf ihre bewegte Vita – von ihren Anfängen als junge Schau­spie­lerin in Babels­berg 1943 bis zu ihrem legen­dären Konzert in der Berliner Phil­har­monie 1966. Von dieser Zeit­spanne erzählt das Biopic Hilde- mit Heike Makatsch in der Titel­rolle.

Was Hildegard Knef allein in diesen 23 Jahren erlebt, reicht für mehr als zwei Film­stunden: Gezeigt werden die letzten Kriegs­mo­nate im ausge­bombten Berlin, ihre kompli­zierte und umstrit­tene Beziehung zu dem Goebbels-Intimus und Reichs­film­dra­ma­turg Ewald von Deman­dowsky, zwei Ehen, erfolg­lose und erfolg­reiche Jahre in Hollywood, Broad­way­tri­umphe, wie sie keine deutsche Künst­lerin vor oder nach ihr feiern konnte, und skan­dalöse Abstürze. Als ihr väter­li­cher Freund und Mentor Erich Pommer nach Los Angeles kommt, wo die nach ihrem Auftritt in Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns als 'größter deutscher Nach­kriegs­star' gefeierte Knef zwar jede Woche einen Gehalts­scheck, aber keine einzige Rolle bekommt, zieht sie lakonisch Bilanz: »Was gut war, wie es war, merkt man immer erst hinterher. Was schlecht ist, wie es ist, merkt man sofort.« Doch auch wenn ihr schnell klar wird, dass der Umzug nach Hollywood ein Fehler war, kämpft sie drei Jahre lang um ihr Standing und steht bei Filmmogul David O. Selznick höchst­per­sön­lich auf der Matte, weil sie nicht glauben will, dass es in Amerika keine Rollen für sie gibt. Erst als sie, wieder in Deutsch­land, unter der Regie des Öster­rei­chers Willi Forst den Skan­dal­film Die Sünderin dreht und in der Heimat dafür geächtet wird, gelingt ihr der Durch­bruch in Amerika. Dass ihre erste Ehe mit dem Juden Kurt Hirsch an ihrem Ehrgeiz und ihrem Egoismus zerbricht, und sie auf dem Weg zum Weltstar immer unglück­li­cher wird, nimmt sie als Kolla­te­ral­schaden hin.

Dieses Getrie­ben­sein – alles dem Erfolg unter­ordnen, nie aufgeben, sich immer wieder neu erfinden – prägte Hildegard Knef ihr Leben lang. Sie war süchtig nach Aner­ken­nung und Öffent­lich­keit, konnte es nicht ertragen, alleine zu sein. Ein PR-Profi, der sich und sein Leben perfekt insze­nierte und sich nie ganz in die Karten schauen ließ. Eine Diva unter Dauer­span­nung. Und genauso eigen­willig und eitel, zerbrech­lich und zornig, selbst­zweif­le­risch und stur spielt Heike Makatsch sie auch. Wenn sie als Hilde mit rauchiger, kurz­at­miger Stimme vor die Presse tritt und en passant erklärt, dass sie »Glück nie lange genug erlebt habe, um wirklich etwas darüber sagen zu können«, spürt man etwas von der Wehmut, die Hildegard Knef immer umgab. Wenn sie bei einem Wutaus­bruch Knefs selbst­zer­stö­re­ri­sches Tempe­ra­ment aufblitzen lässt, glaubt man, der 'echten' Hilde dabei zuzusehen, wie sie alles kurz und klein schlägt. Am frap­pie­rendsten aber ist die Ähnlich­keit in der Schluss-Szene, in der »die beste Sängerin ohne Stimme« – wie Ella Fitz­ge­rald die Knef einmal nannte – ihr unver­ges­senes Konzert in der Berliner Phil­har­monie mit den Worten »Das hier ist Hildegard Knef« eröffnet. Wenn sie dabei trotzig ihr Kinn heraus­reckt und ihren Ober­körper nach vorne wirft, wird das Biopic (fast) zum Doku­men­tar­film – und Heike zu Hilde.

Diese ungeheure Authen­ti­zität und Ähnlich­keit von Heike Makatsch macht auf der einen Seite die Stärke des Films aus, ist aber gleich­zeitig auch seine größte Schwäche. Hildeist so komplett auf seine Haupt­dar­stel­lerin zuge­schnitten, dass ihre Film­partner und -ehemänner nur blass aussehen können. Trystan Pütter darf zwar in seinen ersten Szenen als jüdischer Film­of­fi­zier Kurt Hirsch noch humorvoll und wortreich Hildes Herz erobern, verstummt dann aber zusehends als Mann an ihrer Seite. Nicht viel besser ergeht es dem smarten Dan Stevens als David Cameron, Knefs Ehemann Nummer zwei. Nur Anian Zollner gelingt es als Ewald von Deman­dowsky, Hildes erster großer Liebe, etwas mehr Profil zu zeigen. Diese fehlende Präsenz der (Film-)Männer ist viel­leicht noch der Tatsache geschuldet, dass sie auch im wahren Leben neben ihrer domi­nanten Partnerin die zweite Geige gespielt haben. David Cameron gab sogar seine eigene Karriere auf, um die seiner Frau zu unter­s­tützen. Unver­s­tänd­lich dagegen ist, dass auch die zwei wich­tigsten Frauen in Knefs Leben zu Stich­wort­ge­bern degra­diert werden. Warum das Verhältnis zwischen Hilde und ihrer Mutter Frieda so ange­spannt war, erfährt man nur in zwei Szenen und auch da nur, wenn man genau hinhört. In der einen macht Frieda Knef der Leiterin des Ufa-Beset­zungs­büros, Else Bongers, klar, was sie von den Schau­spiel­am­bi­tionen ihrer Tochter hält. Nämlich gar nichts. »Sie hat eine Jungs­stimme und ist weder elegant noch schön genug.« Und sie vergisst auch nicht einen Nasen­bein­bruch in Hildes Kindheit zu erwähnen, verschweigt aber, dass sie nicht ganz unschuldig daran war. In einer zweiten Einstel­lung – am Totenbett von Hildes geliebtem Großvater – wird offen­sicht­lich, dass nicht nur Demü­ti­gungen und Schläge die Mutter-Tochter-Beziehung belastet haben, sondern auch Eifer­sucht und Neid. Warum die zwei Frauen trotzdem viele Jahre zusammen unter einem Dach wohnten und Frieda Knef in Hildes Leben allge­gen­wärtig war, bleibt vor diesem Hinter­grund völlig unklar. Genauso stief­müt­ter­lich wird Else Bongers behandelt, Hildes Entde­ckerin und lebens­lange Vertraute. Auch sie ist zwar bei jeder großen Premiere dabei, warum Hildegard Knef sie aber liebevoll 'Bongi' nannte und warum die Beziehung der beiden so innig war und über eine beruf­liche hinaus­ging, kann man nur erahnen. Zu sehen ist es nicht. Hildeerinnert in vielem an La vie en rose, die filmische Lebens­ge­schichte von Edith Piaf . Sogar die Rahmen­hand­lung, ein großes und wichtiges Konzert, ist die gleiche. Und auch in Olivier Dahans Film wirkt die Haupt­figur über­le­bens­groß.

Dass ein so über­volles und ereig­nis­rei­ches Leben wie das der Knef nur in Ausschnitten erzählt werden kann, ist keine Frage. Deshalb haben sich die Macher ja auch entschieden, in Hildenicht die komplette Geschichte einer der viel­sei­tigsten Künst­le­rinnen, die Deutsch­land jemals hatte, nach­zu­er­zählen, und wichtige Lebens­phasen wie die Geburt ihrer Tochter Tinta, ihre schwere Krebs­er­kran­kung, die Erfolge als Best­sel­ler­au­torin und die 25-jährige Ehe mit ihrem dritten Mann Paul von Schell wegzu­lassen. Fraglich ist aber, ob die Erleb­nisse von 1945 und 1946 einen so großen Raum einnehmen mussten, zumal Hildegard Knefs Erin­ne­rungen an diese Zeit – die sie in ihrem auto­bio­gra­fi­schen Roman »Der geschenkte Gaul« nieder­ge­schrieben und Freunden erzählt hat – seltsam wider­sprüch­lich sind. Hätte man das Geschehen dieser Jahre zugunsten tieferer Charak­ter­zeich­nungen der Neben­fi­guren gestrafft, wäre der Film dem Mythos Knef viel­leicht ein bisschen näher gekommen.

Warum weniger manchmal mehr sein kann, ahnt man spätes­tens, wenn der Abspann läuft. Zu Origi­nal­fotos von Hildegard Knef erklingen da ihre Songs »Halt mich fest« und »Von nun an ging’s bergab«. Man hört die eigen­willig inter­pre­tierten, sehr persön­li­chen Liedtexte, schaut in die ausdrucks­vollen Augen mit dem melan­cho­li­schen Silber­blick und hat plötzlich das Gefühl, dieser kompli­zierten Frau einen Moment lang in die Seele schauen zu können.