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Review

Höhere Gewalt

Was eben mal vorkommt

Familienlawinenabgang

Was eben mal vorkommt

Ein Fami­li­en­foto entsteht. Wir sehen den Vater, die Mutter, zwei Kinder – eine glück­liche Familie im Ski-Urlaub. Die vier sind die Haupt­fi­guren dieses Films, Schweden, die in Frank­reich ihre Winter­fe­rien verbringen. Ihnen scheint es an nichts zu fehlen: Sie sehen gut aus, ihr Hotel ist luxuriös, die Skiaus­stat­tung auf dem neuesten Stand, so modisch wie sicher – ein proto­ty­pi­scher Fall für den wohl­ha­benden Mittel­stand West­eu­ropas, in deren Leben von Banken­krise, Kurs­stürzen und Arbeits­lo­sig­keit so wenig zu spüren ist wie von den Kriegen, Folter, Seuchen, Hunger und reli­giösem Fana­tismus in der Welt.

Dieses Unsicht­bare, viel­leicht Verdrängte wird sich dennoch auf andere Weise und um so zwin­gender bemerkbar machen, später in diesem Film.

Zunächst zeigt Regisseur Ruben Östlund die Idylle. Tomas, Ebba, Harry und Vera genießen Schnee, Sauna und schicke Abend­essen. Zugleich konter­ka­riert Östlund diese Eindrücke immer wieder mit Bildern, die zumindest in dem Zusam­men­hang, in den sie gestellt sind, eine ironische, auch distan­zie­rende Wirkung entfalten; Bilder der Routine, des Seriellen unser aller Daseins.

Wir sehen das Hotel­per­sonal, das eifrig, still, aber auch seltsam unberührt von den Gästen, nach ganz eigenen Gesetzen schaltet und waltet, das serviert, reinigt, räumt und den Ablauf der Tourismus-Maschi­nerie sichert. Wir sehen Drüsen, die künst­li­chen Schnee auf die Piste rieseln lassen, sehen die Pisten­raupen, die in ihrem eigenen Rhythmus, wie ein seltsames futu­ris­ti­sches Ballett des Nachts dafür sorgen, dass die Touristen am nächsten Tag ideale Schnee-Bedin­gungen vorfinden.

Diese Maschi­nerie montiert der Regisseur parallel mit der Abend­toi­lette der Touristen – die Sequenz mündet in den Moment, an dem die komplette Familie vor dem Bade­zim­mer­spiegel steht, und sich mit elek­tri­schen Zahn­bürsten die Zähne putzt.

Und dann die Donner­schläge jener Kanonen, die kontrol­liert Lawinen auslösen, geplante (Natur-)Kata­stro­phen – also ein Wider­spruch in sich. Einige Zeit später passiert, was die latent ange­spannte Atmo­s­phäre schon ahnen ließ: Eine solche Lawine wird größer und heftiger als erwartet und rast – mit scheinbar desaströsen Folgen – auf die voll­be­setzte Terrasse eines Cafés zu, in dem auch Tomas' Familie zu Gast ist. Ein Schock für die Betei­ligten, auch für die Zuschauer, der sich zwar bald in eine Pulver­schnee­wolke auflöst, aber doch unter­grün­dige Folgen hinter­lässt. Die Idylle bekommt von nun an Haarrisse, immer deut­li­cher werden unter­grün­dige Span­nungen in der Familie sichtbar, der Ton ist plötzlich gereizt. Die Kinder werden aufsässig, das Paar streitet. Offen­kundig spielt hier die trau­ma­ti­sche Erfahrung eine Rolle, dass alle für ein paar Sekunden dem Tod sozusagen ins Auge sahen – mag das auch objektiv über­trieben sein, trifft es subjektiv doch einfach zu. Weil der Urlaub aber weiter­gehen muss, wird das Erlebnis verdrängt statt verar­beitet.

Die tiefere Ursache ist aber weniger der Schock selbst als die Erfahrung, die Ebba, die Ehefrau gemacht hat: In dem Augen­blick, in dem die Lawine die Café-Terrasse unter sich zu begraben schien, fühlte sie sich von ihrem Mann allein gelassen. Tomas flüchtete in Deckung, sagt sie, kümmerte sich scheinbar nicht um sie und die Kinder. Tomas selbst sieht das anders – und es liegt im Auge des Betrach­ters, welcher Version er hier folgt.

Man kann in diesem Tomas tatsäch­lich einen Mann sehen, der Schwäche partout nicht einge­stehen kann, der im entschei­denden Augen­blick egostisch handelt, immer Ausreden sucht, im Ernstfall einen weiner­li­chen Wasch­lappen – und damit einen in vielem typischen Reprä­sen­tanten des zeit­genös­si­scher Männ­lich­keit.
Man kann aber auch Ebbas Reaktion in Frage stellen: Geschah alles wirklich so, wie sie glaubt, und selbst wenn – reagiert sie nicht über? Ist ihr Hadern mit dem Gatten nicht etwas hyste­risch?
Schließ­lich und vor allem aber tut sich die Frage auf: Sind solche Verhal­tens­weise am Ende viel­leicht gar nicht selbst­be­stimmt, sondern liegen in einer Natur, die stärker ist, als das Indi­vi­duum, und in der Männer sich abwie­gelnd verhalten, igno­rieren und Frauen, die Probleme machen, über­re­agieren?

Dies ist ein exis­ten­ti­elles Drama, das den Betrachter, wenn man weiß, dass es aus Schweden stammt, fast zwangs­läufig auch an die bürger­li­chen Selbst­z­er­flei­schungs­sz­e­na­rien und Lebens­lüge-Entlar­vungs­or­gien eines Ingmar Bergman erinnert. Ähnlich konse­quent ist auch dieser Film. Aller­dings mora­li­siert er nicht, ist ironi­scher, kühler, ohne Furor. Östlund erzählt von der Kata­strophe im Normalen, von der heim­li­chen Nähe von Tourismus und Terror. Im Rhythmus mehrerer Tage präsen­tiert Höhere Gewalt einer­seits ein Klas­sen­por­trait, in dem breite Teile des Publikum sich problemlos selbst wieder­er­kennen werden: Schöne, gebildete, wohl­ha­bende, über­ge­sunde, allseits durch­ge­checkte und sicher­heits­be­ses­sene Menschen, die ihren Alltag routi­niert managen, noch nie echte Probleme gekannt haben. Als die dann kommen, sind sie hilflos.

Dies ist aber auch einfach eine großar­tige Farce, eine Comedie humaine über das moderne Leben. Über eine moderne Gesell­schaft, die unfähig ist, Dinge, die eben mal vorkommen, auch zu akzep­tieren. Die statt­dessen alle möglichen Gescheh­nisse zu etwas Grund­sät­z­li­chem erklärt, »zum Zeichen« und auf sie thera­peu­tisch reagiert.
Eine Gegenwart die ihre Ängste nicht mehr zu kontrol­lieren vermag, nicht rational mit ihnen umgeht, sondern zunehmend von Panik erfasst und blockiert wird – von Phan­tasmen, also der Panik vor dem nur vage Möglichen.

Selbst die Wahl des im Kino omni­prä­senten Vivaldi und seiner »Vier Jahres­z­eiten« (zur Filmmusik) macht in dieser Hinsicht Sinn. Denn Ruben Östlunds Film erzählt anhand eines Mikro­kosmos vom Ganzen: Er zeigt die Wohl­stands­ver­hält­nisse des frühen 21. Jahr­hun­derts als deka­dentes, in sich über­lebtes Ancien Régime. Ganz sachte, gewis­ser­maßen über die Ränder kehrt das Verdrängte zurück.

Die »höhere Gewalt« des Titels kann Gott meinen, kann die bevor­ste­hende poli­ti­sche Revo­lu­tion meinen, oder einfach den Einbruch des Unver­hofften ins geregelte Leben, Befreiung und Bedrohung zugleich. In jedem Fall aber meint »höhere Gewalt« eine Chiffre für die Ohnmacht des Menschen.