Review
Kontinental '25
Die Welt: Ein Dinopark
Die Welt: Ein Dinopark
2021 gewann er den Goldenen Bären, nun ist er mit seinem neuen Film im Wettbewerb zurück: Radu Jude präsentiert »Kontinental ’25«
Ein Wald inmitten von Cluj, der inoffiziellen Hauptstadt Transsilvaniens: Der Obdachlose Ion durchstreift ihn fluchend auf der Suche nach Pfandflaschen, wir werden ihn die nächsten Minuten auf seiner Odyssee durch die Stadt verfolgen – Begegnungen mit Dino-Animatronics und Roboterhunden inklusive. Es ist der Auftakt von Kontinental ‘25, der von Beginn an mit Erwartungshaltungen spielt, sie gezielt bricht, streckenweise gar verspottet.
Aus dem dokumentarisch anmutenden Anfang ergibt sich dann die Ausgangslage, die »Wohnung« (ein Heizungskeller) Ions wird geräumt, er will nicht ins Heim, erhängt sich am Radiator.
Für Gerichtsvollzieherin Orsolya ein harter Schlag, Gewissensbisse schleichen sich ein. Was hätte sie tun können, was läuft falsch in der Welt, und vor allem: Wie dagegen rebellieren?
Das klingt nun nach schlimmstem Problemfilm, wer Jude kennt, der ahnt aber bereits, dass es soweit nicht kommt. Das Thema ist ernst, sicher, doch das hält ihn nicht davon ab seinen bösen Witz einzustreuen, ironische Brechungen, Absicherungen und Provokationen zu etablieren. Man muss mittlerweile nicht mehr erwähnen, wie gut das gelingt, wie zielsicher Jude zwischen galligem Humor und weltlichen Problemen chargiert, Klassenfragen, Banalitäten, philosophische Diskurse und absurde Profanitäten zusammenbringt. Das funktioniert auch hier wieder ganz großartig, es ist ein himmelschreiend komischer Film geworden, immer kurz vorm Zynismus, diesen aber nur hervorblitzen lassend, ohne ihm je wirklich zu verfallen.
Doch diese Herangehensweise kennen wir nun schon, das erwartet man, nun muss auch etwas damit gemacht werden. Und hier wird es dann doch komplizierter, denn von der Fülle der Ideen einmal abgesehen, worum geht’s denn überhaupt wirklich in Kontinental ‘25?
Keine leichte Frage, der Film verschließt sich einem stringenten Narrativ, wir folgen (statt Ion) nun Orsolya durch Cluj, wohnen ihrem Bittgang in Folge der Tragödie bei. Im Wechsel dazu werden immer wieder lang gehaltene Aufnahmen von Gebäuden der Stadt hineinmontiert. Mal Wahrzeichen, mal Shoppingcenter, mal Wohnhäuser. Eine Kluft entsteht zwischen öffentlichen und privaten Räumen, eine Gegenüberstellung, die sich beständig annähert, nie aber eine Symbiose eingeht. In Gesprächen zu Hause etwa läuft permanent der Fernseher, Fußballspiele sind zu sehen, öffentlich-rechtliche Programme (Highlight: Eine kuriose Winzersendung), Nachrichtensendungen. Dazu gesellen sich – ebenfalls statisch gefilmte – lange Dialoge an öffentlichen Plätzen oder in Bars, Umgebungsgeräusche inklusive. Es zeigt sich: Ein »Privatleben« gibt es nicht, zu präsent sind die geo- und innenpolitischen Konflikte, dominieren den Einzelnen zu jeder Sekunde.
Wie damit umgehen, wie sich wehren gegen diese omnipräsente Determiniertheit?
Das Subjektive streitet sich mit dem Objektiven, will in selbiges übergehen (nichts anderes ist schließlich Buße tun; das Sehnen nach dem Ablegen der persönlichen Schuld), bleibt aber doch in sich zurück, findet keine passenden Antworten auf die verrückt gewordene Welt. Diese Unmöglichkeit tritt in den erwähnten Gesprächen zu Tage, artikuliert sich auf verschiedenen Ebenen. Mal ist es das gönnerhafte Spenden an Wohltätigkeitsorganisationen, während der Obdachlose vor der eigenen Haustür zu erfrieren droht, mal längst zu Kalendersprüchen verkommene buddhistische Weisheiten, an anderer Stelle die Beratung des Pastors samt erlösender Bibelsprüche.
Man pickt sich das heraus, was eben gerade am besten passt, komfortabel eine moralische Reinwaschung erzeugt, die Schuld von einem nimmt und zumindest häppchenweise die Welt »verbessert«. Ein tatsächliches Aufbegehren ist das natürlich nicht, nicht einmal verständlicher Selbstschutz: Die Probleme werden nicht ignoriert, sie werden sich gefügig gemacht, selbstgerecht in Kleinteilen wegmoralisiert. Nicht philanthropisch, nur um das schlechte Gewissen klein zu halten.
Immer wieder scheitert diese Verklausulierung, Kriegsvideos etwa werden gezeigt, da helfen keine Ratschläge, keine Überweisungen, dort scheitert ein gezieltes/ erhofftes/ erwünschtes Objektiv-werden, versagt der Versuch, in die Welt einzugreifen.
Damit hat Jude natürlich recht, ob es nun die große Erkenntnis ist, bleibt aber fraglich. Weitere Ausführungen nämlich erspart er sich, in den tatsächlichen philosophischen Diskurs möchte er nicht gehen. Das ist unbefriedigend,
zumal schon kokettiert wird mit einem bürgerlichen Wissensschatz. Brecht-Zitate auf Bild- und Ton-Ebene, Luther kommt vor, die östliche Philosophie wurde bereits erwähnt. In diesem Kontext drängt sich eigentlich Kierkegaard auf, der all die genannten Probleme verhandelt, der große Philosoph der Schuld und Subjektivität ist.
Es muss ja nicht ausgerechnet er sein, doch ein Gegenpunkt, ein systematischer Denkausgleich wäre schön gewesen, hätte vom gelegentlich überhandnehmenden Namedropping weggeführt, der Gefahr von karikaturistischen Scheindebatten vorgebeugt.
Fairerweise – es wäre dann ein Diskursfilm geworden, das wird durch das letztendliche Umschiffen und Anreißen dieser Themen vermieden. So tragen sie zur Grundstimmung bei, ernste, fundierte Schwerpunkte fehlen.
Inwiefern distanziert sich dieses Kino also vom Problemfilm?
Nun, es ist lustiger, ungehemmter, freier und überraschender, auch wenn sich diese Attribute zumeist auf Einzelmomente belaufen. Die Digitalkamera (gedreht wurde auf dem iPhone) hat Ruckler, fokussiert in manchen Szenen mehrmals kurzzeitig um, es gibt Symbolspielereien (ist der Obdachlose gespielt oder echt, sind seine Szenen geskriptet oder improvisiert) en masse. Das ist auf Formebene interessant,
gefundenes Fressen für jeden Experimentalfilm-Fan. Dabei bleibt es aber größtenteils, die Klammer, die Entwicklung von Kontinental ‘25 verharrt im Aufzeigen der absurd gewordenen Welt.
Das ist stimmungsvoll und in sich geschlossen, wirkt aber sehr reduziert, sehr spontan, mehr wie ein Zwischenprojekt als ein ausgetüfteltes, konzentriertes Werk. So bleibt man nach den unterhaltsamen, anregenden 109 Minuten ein wenig ratlos zurück. Es ist schön, dass so spezielles Kino im Wettbewerb läuft, doch bei aller Liebe für Jude: In einer Nebensektion wäre dieser Film besser aufgehoben. Das ist explizit kein Qualitätsurteil, nur ein Hinweis betreffend die Erwartungshaltung, den Rahmen dieses sehr guten, wenngleich etwas (zu?) beiläufigen Films.
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