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Review

Mission: Impossible II

Schwere Körper

Schwere Körper

Action ohne Poesie: John Woo hebt nicht ab

Momente der Stille, Sekunden in Zeitlupe gedehnt zu Augen­bli­cken aus Ruhe und Inne­halten: Ein schöne Frau, die katzen­hafte Diebin Nyah (Thandie Newton) im Feuer­ge­fecht zwischen zwei Männern, die sich belauern. Gut und Böse im Kampf und inmitten das Weib, das nicht nur im Kino tradi­tio­nell für beide Seiten steht. In der Hand hat sie die letzte Ampulle mit dem millio­nen­werten Bio-Virus, den in Mission: Impos­sible II alle jagen. Sie muss sterben, denn für welche Seite sie sich auch entscheidet, man wird sie töten.
So scheint es. Doch dann tut die Nyah das eine, was ihr Überleben sichern könnte, und injeziert sich selbst den Virus. Sie muss sterben, denn er ist tödlich. Sie muss leben, denn alle wollen an das heran, was sich jetzt in ihrer Blutbahn verteilt – der perfekte Diebstahl ist der, den man mit dem eigenen Körper begeht.

Dieser mit allen filmi­schen Mitteln ins Pathe­ti­sche überhöhte und philo­so­phisch tiefe Moment ist die Stern­stunde dieses Films. Hier ahnt man, was Mission: Impos­sible II hätte werden können: Ein Bild-Poem über Lebens­hunger und Todes­dro­hung, über den Körper als Trans­port­mittel, und die Frau als Botin des Jenseits.
Mit einer Inten­sität, die ihres­glei­chen in den 90er Jahren nicht mehr hatte, war dies John Woo in seinem letzten Film Face/Off (1997) gelungen – und zugleich der Beweis, dass ein Action­film ohne Weiteres so kompli­zierte Themen wie Ich-Identität, Körper-Geist-Verhältnis und Schi­zo­phrenie behandeln kann, und dabei an Unter­hal­tungs­wert noch gewinnt.
Mit diesem Film hatte der Regisseur den Erwar­tungs­druck extrem hoch gesetzt, schon zuvor hatte keiner die Kernidee des Genres – Körper durch den Raum zu bewegen – so virtuos und geschmeidig, so leicht­ge­wichtig und tänze­risch in die Tat umgesetzt, wie die Action-Balette des Hongkong-Chinesen, der seit Mitte der 90er in den USA arbeitet.
Allen­falls noch Brian De Palma, der 1996 für den ersten Teil von Mission: Impos­sible verant­wort­lich war. Damals hatte er die Unver­schämt­heit begangen, mit allen Regeln des Agen­ten­films zu brechen, und einen Großteil seiner teuren Stars schon nach 30 Minuten sterben lassen, zugleich seinen Haupt­dar­steller Tom Cruise eine persön­liche Tragödie erleben lassen. So wurde aus dem Aufwärmen einer 20 Jahre alten TV-Serie der weitaus bessere James-Bond-Film und eine brillante Symphonie der Schwe­re­lo­sig­keit.
Danach kam nur noch Matrix, der – ebenfalls stark vom Hongkong-Kino beein­flusst – endgültig bewies, dass Menschen fliegen dürfen, jeden­falls im Kino, und zumindest tech­ni­sche Maßstäbe setzte, hinter die man heute nicht mehr unge­straft zurück­fallen darf.

Und dies, nur dies ist das Problem von Mission: Impos­sible II. Wie gehabt bekommt Ethan Hunt (Tom Cruise, der diesen wie schon den ersten Teil selbst produ­zierte) einen »unmög­li­chen Auftrag«, eben die Vernich­tung einer gefähr­li­chen Bio-Waffe. Natürlich wird er es schaffen. Doch tut er das vergleich­weise konven­tio­nell: Am inter­es­san­testen sind da noch die Mission-Impos­sible-Typischen perfekten Verwand­lungen per Gesichts­masken. Der Rest aber, viel Pyro­technik, Geballer und rasante Verfol­gungen können eben­so­wenig wie Hunts Liebes­ge­schichte im süßlichen-»roman­ti­schen« Hongkong-Stil über eine gewisse Ideen­lo­sig­keit hinweg­täu­schen. So langt es zwar für einen hoch­klas­sigen Action-Film. Gemessen an den drei erwähnten Vorbil­dern und dem, was man von John Woo erwarten durfte, ist Mission: Impos­sible II aber enttäu­schend.