Review
Scream 3
Im Irrgarten des Betrachters
Im Irrgarten des Betrachters
Der Regisseur ändert das Drehbuch
Für die Erkenntnis, dass der Horror der eigenen Vorstellungswelt der schlimmste ist, hätte es Wes Cravens Scream nicht bedurft. Der Reiz seiner, nun mit Scream 3 vollendeten Trilogie besteht denn auch weniger im klassischen Muster vom Jäger und Gejagten, vom Serienkiller, der, einem nur ihm selbst erschlossenen Muster folgend, sein Spiel mit den Opfern treibt und von der verfolgten, zunehmend traumatisierten Unschuldmit Sidney Prescott (Neve Campbell) einmal mehr jung, weiblich, ledig...
Trotz aller, besonders mit raffinierten Toneffekten gesteigerten Thrillerspannung ist das wichtigere und spezifische Element von Screamdie immer weiter gedrehte Spirale der Selbstreferenz. »Was ist Dein Lieblingshorrorfilm?« so beginnt der auch im folgenden permanent fragende Killer zum Auftakt des ersten Teils sein blutiges Werk. Wer »wrong answer« zu hören bekam, war des Todes. Schon in den Anfangs-Minuten zeigte sich, was Scream von all den anderen, selbst den intelligenteren Slasher-Movies unterscheiden sollte: Das permanente Selbstthematisieren, Kommentieren und Infrage-Stellen der Leinwandereignisse. Wie im Film-Seminar eines US-College geht es mit bekennender Künstlichkeit immer wieder um den Nutzen und Nachteil von Fortsetzungen und Plot-Ideen, um die inneren Gesetze des Genres »Du kannst nicht der Mörder sein. Du bist viel zu verdächtig«. Die Wiseguys aus dem fiktiven Örtchen Woodsboro sind durch die Horrorgewitter aus der Videothek derart gestählt und gegen alle Empfindung gewappnet, dass ihren kühlen Klügelleien allein durch das Messer des mit der – Edvard Munchs Schrei nachempfundenen – Maske getarnten Killers ein Ende zu machen ist. Den Zuschauern blieb nichts anderes übrig, als zu akzeptieren. Gefangen im Irrgarten Sehens sind sie die eigentlich passiven Opfer dieser Filme.
In Scream 2, der tatsächlich vor allem im College spielte, schien sich das Muster totzulaufen. Zwar nahmen auch hier »Sequels zerstörten das Horrorgenre« – die Kommentare der jungen Filmkenner alle potentielle Kritik vorweg. Doch schon in der Figur der zynischen Fernsehjournalistin Gale Weathers (Courtney Cox Arquette) und ihrer vor nichts Halt machenden medialen Verwertung der Woodsboro-Morde bespiegelte man nur noch selbst. Noch mehr geschah das durch »Stab«, den Film im Film, der dort die erste Mordserie fürs Kino adaptiert und dadurch dieses umgekehrt zum Schauplatz und Motivator einer zweiten Folge von Bluttaten macht. Den Horror selbst brachte all das zum Verschwinden was blieb, war viel rote Flüssigkeit und eine verächtliche Kritik, die den unmotivierten Metzelleien plumpe Effekte und Zynismus vorwarf.
»Hollywood is about death« – auch im dritten Teil stehen wieder Film im Film und die ehernen Regeln von Medium und Business im Zentrum: »Stab 3« wird gerade gedreht, ein Mörder treibt am Set sein Unwesen, doch in Wahrheit sucht er die eine, die dem Maskierten von Anfang an als einzige Contra gegeben hatte: Sidney Prescott, die sich in der Einsamkeit des Landlebens von ihren Erlebnissen zu erholen sucht.
Auch über dassozusagen philosophische – Fundament des
dritten Teils ist man schnell informiert: »Im Spiel mit den Genregesetzen gelten keine Genregesetze mehr« nicht postpostmoderne Beliebigkeit ist das, sondern die Verwandlung des Regisseurs in den guten alten Laplaceschen Dämon, der von einem Punkt ganz außerhalb der Welt und ihrer Naturgesetze diese mal eben aus den Angeln heben darf.
Was dabei herauskommt, ist vielleicht nicht neu, aber einfallsreich – erst recht wenn man selbst keiner von den potentiellen Mordopfern des Sequels ist, die seit den Bodysnatchern der 50er keinen Splatter und B-Movie ausgelassen haben. Dramaturgisches Potential hat zum Beispiel die Idee, all die »realen« Überlebenden der ersten beiden Teile mit ihren filmischen »Stab«-Doppelgängern zu konfrontieren. Die Zeichen machen sich selbstständig, Schizophrenie wird Fleisch – Ich ist ein anderer und kann mich nicht leiden. Erst am Ende spricht der Regisseur durch schlichtes body count sein eindeutiges Urteil über diese Art von Persönlichkeitsspaltung.
Auch sonst versucht Craven, die Anlagen der ersten Teile noch zu steigern. Es hagelt nur so an Einfällen. Wenn man gemerkt hat, dass sie nicht präzis genug sind, kommt schon der nächste, und deshalb macht es auch nicht viel aus. Und genug davon funktioniert: Regisseur, Gott und Killer verschmelzen und ändern permanent das Drehbuch. Und man begegnet Carrie Fisher als alternder Schauspielerin, die es einst fast geschafft hätte, die Princess Leia in Star Wars zu spielen »Und ratet mal, wer hat die Rolle bekommen hat? Eine, die mit George Lucas ins Bett stieg«.
Scherze allerorten. Die einzige Figur bei alldem zwischendurch ernst genommen und mit psychologischer Aufmerksamkeit gezeichnet wird, ist Sidney Prescott. Melancholisch und traumatisiert erscheint sie als veritable Nachfolgerin einer Laurie Strode
(Jamie Lee Curtis) aus den Halloween-Folgen. Erst am Ende siegt bei ihr der Kitsch.
Ein echter Horrorfilm ist der dritte Scream-Teil noch weniger als seine Vorgänger. So schreckenserregend ist Rationalität nun einmal auch dann nicht, wenn sie kalt ist. Auch elegant muss man ihn nicht finden, wirkungsvoll bleibt er um so mehr. Unter der Oberfläche des Slasher-Horrors findet man anregende, manchmal intelligente, unterhaltsame Reflexionen über das Filmgenre und als solche ist Scream 3 vor allem eine Komödie mit final cut für den Regisseur.