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Review

The Ugly Stepsister

Schmerzhafte Attraktivität

The Ugly Stepsister
Eine Art Corsage wird angelegt (Foto: Berlinale | Lukasz Bak)

Schmerzhafte Attraktivität

Emilie Blichfeldt schickt Lea Myren als Aschenputtelvariation auf den Weg der Schönheit: Ins tiefe Tal der Tränen, jenem, in dem Zehen abgehackt werden und sich die Selbst-Optimierung als Selbst-Verrat offenbart

Im fiktiven Swed­landia tragen sich wohl­be­kannte Ereig­nisse zu: Eine Heirat, die zwei Familien verbindet, ein Prinz gibt einen Ball, die schönste der Gästinnen vergisst ihren Schuh, der Prinz sucht sie auf, und siehe da, er passt: Die Liebe hat sich zusam­men­ge­funden.

Aschen­puttel also, Klassiker der Grimm­schen Märchen­samm­lung und des Weih­nachts­fern­se­hens mit den Eltern (so hört man es zumindest oft).
Emilie Blich­feldt verwan­delt diesen Stoff nun in einen Body-Horror-Film, nimmt sich dieses neu erstarkten Genres an, um vom Aufwachsen, vom eigenen Körper, von der falschen Schönheit zu erzählen.

Dabei gibt es will­kom­mene Abwei­chungen vom durch­ge­nu­delten Original, Blich­feldt arbeitet Motive heraus, die so im Märchen bereits angelegt sein mögen, hier aber ganz ober­fläch­lich hervor­treten: Der Prinz sucht seine große Liebe nach dem primi­tiven Ideal der absoluten Schönheit, gehei­ratet wird vorrangig des Geldes wegen, die Frau – zu dieser Zeit, an diesem Ort; und natürlich in der Allegorie – muss sich zu jeder Zeit dem Mann unter­ordnen, demje­nigen nämlich, der Prestige und Geld besitzt, der monetär wie sexuell der Herrscher dieses traurigen König­reichs ist. Keine Liebe jeden­falls für Stall­bur­schen, keine harmlosen Romanzen im Heu sind hier möglich.

Es ist eine ausge­stellte, perver­tierte Welt, als solche aber natürlich nicht hässlich: Es gibt ja Ordnung, Herr­schaft, und diese wähnt sich im Zufluchtsort der Ästhetik sicher. Dement­spre­chend ist der Film insze­niert, hüllt sich ein in prunk­volle Kleider, gibt stets Raum für durch­de­signte Acces­soires, ist Ausstat­tungs- und Kulis­sen­kino. Leider aber nicht vollends konse­quent, nicht das künst­liche, klein­tei­lige Kino eines Wes Anderson (an den man ob der symme­tri­schen Bild­ge­stal­tung ab und an denken muss) wird erreicht, ebenso nicht die arti­fi­zi­ellen, abge­kühlten Bild­welten einer Jessica Hausner. Dafür montiert und filmt Blich­feldt zu nah an den Gesich­tern ihrer Schau­spieler*innen, rückt sie zu jeder Zeit ins Zentrum, schiebt die Ausstat­tung quasi nur als Beiwerk in die Bilder hinein.

Ein zwei­di­men­sio­naler Film entsteht, der mehr auf seine Figuren acht­zu­geben scheint als auf die Hinter­gründe, der in der Natur keinen Wind sucht, der durch die Bäume streift, in Räumen keine Schatten beob­achten will. Immer wieder zentral: Die Figuren, die hässliche Stief­schwester und ihr Weg in den Abgrund.

Denn: Um am Ball teil­zu­nehmen, die Gunst des Prinzen zu gewinnen, muss sie die Schönste sein.
Für Elvira (und vor allem ihr Umfeld, die Mutter) eine schier unmög­liche Aufgabe, zu gerne isst sie Lecke­reien, zu undis­zi­pli­niert treibt sie durch den Alltag. Das soll in der Folge »repariert« werden, schmerz­volle Nasen-OPs und Bandwurm-Amuse-Gueules inklusive.

Hier findet der Body-Horror-Part des Films statt, die brutalen Szenen sind sparsam einge­setzt, dafür intensiv und durch die Nahbar­keit tatsäch­lich schmerz­haft. Die Metaphern sind klar: Erzwun­gene Schönheit um jeden Preis führt in die Selbst­zer­störung, ein Leugnen des eigenen Ichs durch Ausla­ge­rung auf fremd­ge­fer­tigte Ideale muss scheitern.

Diese Themen – und sie stimmen alle – bleiben aber in diesem ober­fläch­li­chen Stadium verhaftet, wirken wie in den Film hinein­ge­schrieben. Er existiert um sie zu unter­mauern, ist Message-Kino mit Genre-Kniff. Selten findet eine Fusion aus Form und Inhalt statt, noch seltener streiten sich die beiden. Es gibt durchaus schöne Szenen, etwa, wenn Elvira nach wochen­langem Training ihren Schau-Tanz vor dem Prinzen aufführt, die Künst­lich­keit und Affek­tiert­heit in ihren Augen und (zu) einstu­dierten Gesten hervor­tritt, die wirkliche Erotik zugunsten einem vorge­fer­tigten Skript der Erotik verschwindet, nach dem sich dann alle verhalten, die Frauen wie die Männer. (Gut, erstere tanzen immerhin noch, letztere sabbern lediglich…)

In den meisten Momenten aber bleibt The Ugly Step­sister zu ober­fläch­lich, gerade im Umgang mit dem Genre: Wir wollen ja all die brutalen Szenen sehen, darum lösen wir das Ticket. Hier entsteht ein inter­es­santer Bruch, ein Film mit Thema Schönheit, der sich in der Auslegung aber dem Gegenteil verschrieben hat: Dem Häss­li­chen, dem Abstoßenden, dem Horror. Leider ergibt sich aus diesem Gegensatz kaum etwas, kein Schönes im Grausamen, keine über die Metapher, über das Verstehen hinaus­ge­hende Eleganz oder Tran­szen­denz.

So verweilt Blich­feldt in einer milden Didaktik, alles ist hier vorge­geben, keiner Figur, keinem Bild wird ein Eigen­leben zugetraut. Bezeich­nend der zynische Titel: Der Stief­schwester (selbst natürlich Opfer ihrer Umstände) wird schon vor ihrem Auftreten keine Eigen­s­tän­dig­keit zuge­standen, sie ist die Hässliche, und als solche muss sie die Torturen nun erleiden.

Das Ende dann nimmt diesen (zumindest präsenten) Zynismus auf, stellt die mitt­ler­weile recht ordent­lich deran­gierte Elvira der Diskus­sion frei. Als Anschau­ungs­ob­jekt, als Produkt der vergan­genen 100 Minuten, als Symbol, das nicht mehr mensch­lich sein darf, dem alles genommen wurde, von Gesell­schaft und natürlich Film.
Hier ist es nun ein tatsäch­li­cher Appell an den Zuseher: Was ist hier schief gelaufen, wie konnte es soweit kommen? Schluss­end­lich schlägt die Didaktik in Selbst­re­fle­xion um.