Review
The Ugly Stepsister
Schmerzhafte Attraktivität
Schmerzhafte Attraktivität
Emilie Blichfeldt schickt Lea Myren als Aschenputtelvariation auf den Weg der Schönheit: Ins tiefe Tal der Tränen, jenem, in dem Zehen abgehackt werden und sich die Selbst-Optimierung als Selbst-Verrat offenbart
Im fiktiven Swedlandia tragen sich wohlbekannte Ereignisse zu: Eine Heirat, die zwei Familien verbindet, ein Prinz gibt einen Ball, die schönste der Gästinnen vergisst ihren Schuh, der Prinz sucht sie auf, und siehe da, er passt: Die Liebe hat sich zusammengefunden.
Aschenputtel also, Klassiker der Grimmschen Märchensammlung und des Weihnachtsfernsehens mit den Eltern (so hört man es zumindest oft).
Emilie Blichfeldt verwandelt diesen Stoff nun in einen Body-Horror-Film, nimmt sich dieses neu erstarkten Genres an, um vom Aufwachsen, vom eigenen Körper, von der falschen Schönheit zu erzählen.
Dabei gibt es willkommene Abweichungen vom durchgenudelten Original, Blichfeldt arbeitet Motive heraus, die so im Märchen bereits angelegt sein mögen, hier aber ganz oberflächlich hervortreten: Der Prinz sucht seine große Liebe nach dem primitiven Ideal der absoluten Schönheit, geheiratet wird vorrangig des Geldes wegen, die Frau – zu dieser Zeit, an diesem Ort; und natürlich in der Allegorie – muss sich zu jeder Zeit dem Mann unterordnen, demjenigen nämlich, der Prestige und Geld besitzt, der monetär wie sexuell der Herrscher dieses traurigen Königreichs ist. Keine Liebe jedenfalls für Stallburschen, keine harmlosen Romanzen im Heu sind hier möglich.
Es ist eine ausgestellte, pervertierte Welt, als solche aber natürlich nicht hässlich: Es gibt ja Ordnung, Herrschaft, und diese wähnt sich im Zufluchtsort der Ästhetik sicher. Dementsprechend ist der Film inszeniert, hüllt sich ein in prunkvolle Kleider, gibt stets Raum für durchdesignte Accessoires, ist Ausstattungs- und Kulissenkino. Leider aber nicht vollends konsequent, nicht das künstliche, kleinteilige Kino eines Wes Anderson (an den man ob der symmetrischen Bildgestaltung ab und an denken muss) wird erreicht, ebenso nicht die artifiziellen, abgekühlten Bildwelten einer Jessica Hausner. Dafür montiert und filmt Blichfeldt zu nah an den Gesichtern ihrer Schauspieler*innen, rückt sie zu jeder Zeit ins Zentrum, schiebt die Ausstattung quasi nur als Beiwerk in die Bilder hinein.
Ein zweidimensionaler Film entsteht, der mehr auf seine Figuren achtzugeben scheint als auf die Hintergründe, der in der Natur keinen Wind sucht, der durch die Bäume streift, in Räumen keine Schatten beobachten will. Immer wieder zentral: Die Figuren, die hässliche Stiefschwester und ihr Weg in den Abgrund.
Denn: Um am Ball teilzunehmen, die Gunst des Prinzen zu gewinnen, muss sie die Schönste sein.
Für Elvira (und vor allem ihr Umfeld, die Mutter) eine schier unmögliche Aufgabe, zu gerne isst sie Leckereien, zu undiszipliniert treibt sie durch den Alltag. Das soll in der Folge »repariert« werden, schmerzvolle Nasen-OPs und Bandwurm-Amuse-Gueules inklusive.
Hier findet der Body-Horror-Part des Films statt, die brutalen Szenen sind sparsam eingesetzt, dafür intensiv und durch die Nahbarkeit tatsächlich schmerzhaft. Die Metaphern sind klar: Erzwungene Schönheit um jeden Preis führt in die Selbstzerstörung, ein Leugnen des eigenen Ichs durch Auslagerung auf fremdgefertigte Ideale muss scheitern.
Diese Themen – und sie stimmen alle – bleiben aber in diesem oberflächlichen Stadium verhaftet, wirken wie in den Film hineingeschrieben. Er existiert um sie zu untermauern, ist Message-Kino mit Genre-Kniff. Selten findet eine Fusion aus Form und Inhalt statt, noch seltener streiten sich die beiden. Es gibt durchaus schöne Szenen, etwa, wenn Elvira nach wochenlangem Training ihren Schau-Tanz vor dem Prinzen aufführt, die Künstlichkeit und Affektiertheit in ihren Augen und (zu) einstudierten Gesten hervortritt, die wirkliche Erotik zugunsten einem vorgefertigten Skript der Erotik verschwindet, nach dem sich dann alle verhalten, die Frauen wie die Männer. (Gut, erstere tanzen immerhin noch, letztere sabbern lediglich…)
In den meisten Momenten aber bleibt The Ugly Stepsister zu oberflächlich, gerade im Umgang mit dem Genre: Wir wollen ja all die brutalen Szenen sehen, darum lösen wir das Ticket. Hier entsteht ein interessanter Bruch, ein Film mit Thema Schönheit, der sich in der Auslegung aber dem Gegenteil verschrieben hat: Dem Hässlichen, dem Abstoßenden, dem Horror. Leider ergibt sich aus diesem Gegensatz kaum etwas, kein Schönes im Grausamen, keine über die Metapher, über das Verstehen hinausgehende Eleganz oder Transzendenz.
So verweilt Blichfeldt in einer milden Didaktik, alles ist hier vorgegeben, keiner Figur, keinem Bild wird ein Eigenleben zugetraut. Bezeichnend der zynische Titel: Der Stiefschwester (selbst natürlich Opfer ihrer Umstände) wird schon vor ihrem Auftreten keine Eigenständigkeit zugestanden, sie ist die Hässliche, und als solche muss sie die Torturen nun erleiden.
Das Ende dann nimmt diesen (zumindest präsenten) Zynismus auf, stellt die mittlerweile recht ordentlich derangierte Elvira der Diskussion frei. Als Anschauungsobjekt, als Produkt der vergangenen 100 Minuten, als Symbol, das nicht mehr menschlich sein darf, dem alles genommen wurde, von Gesellschaft und natürlich Film.
Hier ist es nun ein tatsächlicher Appell an den Zuseher: Was ist hier schief gelaufen, wie konnte es soweit kommen? Schlussendlich schlägt die Didaktik in
Selbstreflexion um.