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Review

Wuthering Heights – Sturmhöhe

Sturm im Instagram-Glas

Wuthering Heights - Sturmhöhe
Viel Lieb', wenig Ehr'... (Foto: Warner)

Sturm im Instagram-Glas

Emerald Fennell übersetzt Emily Brontës Klassiker »Wuthering Heights« in die Bildsprache zeitgenössischer Dark Romance. Was Modernisierung sein will, entpuppt sich als ästhetische und inhaltliche Verharmlosung sozialer und emotionaler Gewalt

Emerald Fennells neue Kino­ad­ap­tion des Klas­si­kers von Emily Brontë ist in einem ganz banalen, zugleich aber fatalen Sinn ein Film unserer Zeit: anschluss­fähig an gegen­wär­tige Diskurse, ästhe­tisch kompa­tibel mit der aktuellen Vorliebe für Dark Romance, toxische Leiden­schaft und emotio­nalen Exzess, und doch im Kern ein Miss­ver­s­tändnis – eines jener Miss­ver­s­tänd­nisse, die nicht aus Ignoranz entstehen, sondern aus Über­as­si­mi­lie­rung. Was hier als Aktua­li­sie­rung ausge­geben wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als Reduktion, als schmerz­hafte Verein­fa­chung eines Romans, dessen Moder­nität gerade darin liegt, sich jedem simpli­fi­zie­renden Zugriff zu entziehen.

Fennell erzählt die Geschichte so, wie man sie heute offenbar erzählen zu müssen glaubt: als obsessive Liebes­ka­ta­strophe zweier schöner Körper, die einander begehren und zerstören, als Seiltanz zwischen Wahn und Selbst­auf­gabe, in dem alles behauptet, aber kaum etwas wirklich erspielt wird. Margot Robbie als Catherine Earnshaw bleibt dabei eine merk­würdig leere Mitte, eine Projek­ti­ons­fläche für große Blicke und große Gesten, hinter denen sich keine innere Notwen­dig­keit, kein wirk­li­cher Riss, kein exis­ten­zi­eller Konflikt abzeichnet. Jacob Elordi als Heath­cliff, der erneut nach Guillermo del Toros Fran­ken­stein und dem ebenfalls von Emerald Fennell insze­nierten Saltburn in der Rolle eines dunklen Begeh­rens­ob­jekts funkelt, bringt zwar Präsenz mit, aber keine Geschichte; was brodelt, ist Ober­fläche, kein sozial oder psychisch sedi­men­tierter Zorn. Zwischen beiden entsteht keine Spannung, keine gefähr­liche Nähe, kein Funken jener zerstö­re­ri­schen Intimität, die Brontës Roman so uner­träg­lich und zugleich so modern macht. Liebe wird hier dekla­riert, nicht erar­beitet, ausge­rufen, nicht durch­litten.

Gerade darin liegt die eigen­tüm­liche Leere dieses Films, der sich zeitgemäß gibt und doch erschre­ckend altmo­disch wirkt. Denn das Zeit­ge­mäße erschöpft sich im Re-Enactment aktueller Genre-Codes: Dark Romance als ästhe­ti­sches Verspre­chen, Ernied­ri­gung als eroti­sches Spiel, Macht als sexuelles Narrativ. Besonders deutlich wird das in den Passagen um Isabella Linton, deren Leidensweg in grotesk aufge­setzten Dialogen und Situa­tionen zu einer Art konsu­mier­barer Unter­wer­fungs­fan­tasie gerinnt. Was als Provo­ka­tion gemeint sein mag, wirkt uner­quick­lich regressiv, psycho­lo­gisch hohl und politisch uner­quick­lich bieder: Hier wird nicht analy­siert, sondern repro­du­ziert, nicht gebrochen, sondern affir­miert. Die angeb­liche Moder­nität entpuppt sich als erstaun­lich konser­vativ, weil sie bestehende hier­ar­chi­sche Geschlechter- und Macht­ver­hält­nisse nicht befragt, sondern ästhe­tisch auflädt. Und abgesehen davon ist der hier immer wieder pathe­tisch insze­nierte Sex eigent­lich eine völlige Null­nummer, die bei all dem Regen und den nassen Körpern eher einem kumpel­haften, groben Wrestler-Kuscheln gleicht. Die wahren Abgründe, die Macht und Sexua­lität ausmachen können und die etwa Pier Paolo Pasolini in seinen 120 Tage von Sodom fast schon trau­ma­ti­sie­rend aufge­ar­beitet hat, werden völlig verdrängt.

Dabei müsste man nur einen Moment inne­halten und den Blick auf die lite­ra­ri­sche Vorlage richten, um zu erkennen, wie weit sich diese Verfil­mung von ihrem Gegen­stand entfernt hat. Wuthering Heights (dt. Sturmhöhe) ist kein Sozi­al­roman im klas­si­schen Sinn, aber ein radikal sozial sensi­bi­li­sierter Text, in dem Klas­sen­un­ter­schiede nicht Staffage, sondern Motor der Handlung sind, in dem soziale Demü­ti­gung Gewalt erzeugt und ökono­mi­scher Aufstieg keine Wunde heilt, sondern neue öffnet. Heath­cliffs Grau­sam­keit ist keine roman­ti­sche Pose, sondern das Resultat syste­ma­ti­scher Ausgren­zung; seine spätere Macht ist keine Eman­zi­pa­tion, sondern eine monströse Spie­ge­lung jener Ordnung, die ihn hervor­ge­bracht hat. All das wird im Film besten­falls gestreift, nie ernsthaft durch­drungen. Klas­sen­ver­hält­nisse erscheinen als atmo­sphäri­sche Kulisse, nicht als struk­tu­rie­rende Kraft, soziale Gewalt als indi­vi­du­elles Drama, nicht als exis­ten­zi­elles Symptom.

Auch deshalb ist der Vergleich mit dem ja bereits erwähnten und ebenfalls von Emerald Fennell geschrie­benen und insze­nierten Saltburn so aufschluss­reich. In Saltburn, diesem grell schil­lernden, kalku­liert ambi­va­lenten Gegen­warts­stück über Begehren, Neid und soziale Maskerade, hat sich die Regis­seurin sehr viel präziser und diffe­ren­zierter mit Fragen von Herkunft, Klas­sen­lage und sozialer Perfor­manz ausein­an­der­ge­setzt: Dort rächt sich, zuge­spitzt und satirisch über­zeichnet, die Armut am Reichtum, nicht als mora­li­sche Lektion, sondern als toxische Umkehrung von Abhän­gig­keit und Macht, fast wie eine zeit­genös­si­sche Verzer­rung jenes histo­ri­schen Konflikt­felds, das Wuthering Heights im 19. Jahr­hun­dert entwirft. So gesehen ließe sich Saltburn durchaus als eine Gegen­warts­er­zäh­lung desselben Grund­kon­flikts lesen – als ein Roman der sozialen Kälte im Gewand eines viralen Psycho­thril­lers. Doch dunkelt auch dort bereits jener Schatten, der nun über Wuthering Heights fällt: die deutliche Neigung, soziale Analyse mit ästhe­ti­sierten Obses­sions- und Romance-Motiven zu über­blenden. In Saltburn wird diese Spannung noch produktiv, weil Ironie, Über­zeich­nung und Klas­sen­be­wusst­sein einander reiben; in Wuthering Heights hingegen kippt sie endgültig zugunsten eines affekt­ge­la­denen, aber sozial entkernten Liebes­me­lo­drams.

Noch gravie­render ist jedoch, dass Fennells Film dem Roman genau jenes verwei­gert, was ihn bis heute so vers­tö­rend modern macht: die konse­quente Verwei­ge­rung von Sinn­stif­tung. Brontës Text kennt keine mora­li­sche Ordnung, keinen psycho­lo­gi­schen Komfort, kein Fort­schritts­ver­spre­chen. Er denkt Welt nicht als erzähl­bare Harmonie, sondern als Konflikt­feld, als Raum der Wieder­ho­lung, in dem Gewalt, Begehren und Verlust sich trans­ge­ne­ra­tional fort­schreiben. Die Verfil­mung hingegen glättet diese Zumu­tungen, verwan­delt Ambi­va­lenz in Eindeu­tig­keit, exis­ten­zi­elle Härte in Melodram, soziale Kälte in ästhe­ti­sierten Schmerz. Was bleibt, ist eine emotional über­dehnte, in sich kreisende Erzählung, die viel Pathos aufbietet, aber wenig aushält.

Dass auch diese Adaption – wie die meisten der knapp 20 Verfil­mungen, die seit 1920 produ­ziert worden sind – mit Cathe­rines Tod endet, gehört zu den folgen­reichsten Entschei­dungen des Films. Der Roman ist ein Drei-Gene­ra­tionen-Text, ein Werk über Weiter­gabe, Verschie­bung und Wieder­ho­lung von Traumata, über die Unmög­lich­keit, sich einfach aus der Geschichte »heraus­zu­lieben«. Indem Fennell alles, was danach kommt, konse­quent verwirft, reduziert sie Wuthering Heights auf ein Liebes­drama erster Ordnung, auf ein Skelett der Handlung, so banal, dass es fast körper­lich schmerzt. Die grotesk pathe­ti­schen Bilder des Endes sollen Größe sugge­rieren, markieren aber vor allem den Verzicht auf auch noch den letzten Funken Komple­xität.

So bleibt ein Film, der nicht alt wirkt, sondern modisch, der aber gerade darin seine histo­ri­sche Blindheit offenbart. Er passt sich einer Gegenwart an, die Leiden­schaft gern konsu­miert, aber nur selten auslebt und Konflikte scheut, die Obsession ästhe­ti­siert, aber ihre sozialen Ursachen nicht sehen will. Fennells Wuthering Heights – Sturmhöhe ist damit weniger eine Neuin­ter­pre­ta­tion als ein Symptom: ein Film, der alles mitbringt, um zeitgemäß zu erscheinen, und doch genau das verliert, was diesen Roman seiner Zeit voraus und unserer Gegenwart unbequem machen könnte.