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Review

Yi Yi – A One and a Two

Das Leben von hinten

Filmszene »Yi Yi - A One and a Two«
Blick zurück nach vorn...

Das Leben von hinten

Edward Yang blickt auf das Leben nicht frontal, sondern von hinten – auf Wiederholungen, vererbte Verletzungen und das stille Weitergehen. Ein Film über das Überleben ohne Erlösung, der auch heute noch so aktuell ist wie vor 25 Jahren

Als Edward Yang 2023 in Taipeh mit einer großen Retro­spek­tive geehrt wurde, war das mehr als ein verspä­teter Kano­ni­sie­rungs­gestus. Es war – wie ich damals schrieb – die schlichte Fest­stel­lung, »dass diese Filme heute viel­leicht notwen­diger sind als zu der Zeit, als sie entstanden«. Yangs Kino, so hieß es weiter, sei eines, das nicht beruhigt, sondern öffnet: für Wider­sprüche, für Ambi­va­lenzen, für jene leisen, kaum sicht­baren Risse, an denen sich Gesell­schaften, Familien und Indi­vi­duen formieren. Kaum ein Film belegt diese Aktua­lität so eindrück­lich wie Yi Yi – A One and a Two, Edward Yangs letzter voll­endeter Film, der nun zum 25-jährigen Jubiläum wieder in die Kinos zurück­kehrt.

Yi Yi ist kein Alters­werk im senti­men­talen Sinn, sondern ein Film von erstaun­li­cher Gegen­wär­tig­keit. Dass er 2016 bei der BBC-Umfrage zu den bedeu­tendsten Filmen des 21. Jahr­hun­derts auf Platz acht landete, wirkt heute fast unter­trieben. Und dass Yang in Cannes 2000 für die beste Regie ausge­zeichnet wurde, markiert weniger einen Höhepunkt als einen stillen Konsens: Hier hatte jemand eine Form gefunden, die dem Leben selbst näher­kommt als die meisten Erzähl­mo­delle des Kinos.

Der Film beginnt mit einer Hochzeit und endet mit einem Begräbnis. Diese Klammer ist so alt wie das Erzählen selbst – und erinnert unwei­ger­lich an Michael Ciminos The Deer Hunter, dessen epische Hoch­zeits­se­quenz ebenfalls den Rahmen für eine exis­ten­zi­elle Erfahrung bildet. Doch während bei Cimino der Krieg als äußere Kata­strophe herein­bricht, ist bei Yang der Krieg das Leben selbst: der Alltag, die Arbeit, die vergeb­li­chen Lieben, das ständige Anein­ander-Vorbei­reden. Yi Yi ist ein fast dreis­tün­diger Film über eine Mittel­stands­fa­milie in Taipeh, und doch fühlt er sich nie nach Chronik oder Milieu­studie an. Er ist etwas Offeneres, Durch­läs­si­geres.

Edward Yang erzählt das Leben der Familie Jian aus drei Perspek­tiven: aus der des Vaters N.J., der Tochter Ting-Ting und des jüngsten Sohnes Yang-Yang. Diese Perspek­tiven stehen nicht hier­ar­chisch zuein­ander, sie korri­gieren und ergänzen sich. N.J. ist ein Mann in der Mitte seines Lebens, beruflich entfremdet, emotional nicht ange­kommen. Seine Wieder­be­geg­nung mit einer früheren Liebe ist einer der schmerz­lichsten Stränge des Films: der Versuch, etwas nach­zu­holen, das nie wirklich begonnen hat – und doch nie aufgehört hat zu wirken. Ting-Ting wiederum gerät in eine Drei­ecks­be­zie­hung, die auf erschre­ckende Weise die Fehler der Eltern­ge­nera­tion wieder­holt. Trans­ge­ne­ra­tio­nale Liebestrau­mata sind hier kein theo­re­ti­sches Konzept, sondern gelebte Erfahrung. Man macht dieselben Fehler nicht, weil man nichts gelernt hat, sondern weil man gar nicht anders kann.

Und dann ist da Yang-Yang, eine der klügsten Kinder­fi­guren der Film­ge­schichte. Er foto­gra­fiert Menschen von hinten. Seine Begrün­dung ist so schlicht wie tief: Weil man das Gesicht nicht sehen kann, zeigt er ihnen den Teil, den sie selbst nie sehen. Den Nacken. Den Rücken. Das Unsicht­bare. Diese kindliche Geste wird zur Poetik des gesamten Films. Yi Yi zeigt das Leben von hinten. Nicht die großen Entschei­dungen, sondern ihre Voraus­set­zungen. Nicht die Kata­stro­phen, sondern die kleinen Verschie­bungen, die zu ihnen führen. Edward Yang inter­es­siert sich nicht für den drama­ti­schen Höhepunkt, sondern für das Davor und Danach.

In dieser Haltung liegt auch die unglaub­liche Alte­rungs­be­s­tän­dig­keit des Films. Die verbalen und nonver­balen Inter­ak­tionen, die Unsi­cher­heiten der Arbeit, die Sprach­lo­sig­keit in Bezie­hungen, die Über­for­de­rung durch Verant­wor­tung – all das wirkt heute erschre­ckend aktuell. Die Pflege der im Koma liegenden Groß­mutter, um die sich alle kümmern und mit der doch niemand mehr wirklich sprechen kann, wird zur Metapher für eine Gesell­schaft, die ihre eigenen Grund­lagen noch versorgt, aber nicht mehr versteht.

Formal ist Yi Yi – A One and a Two von einer Ruhe und Präzision, die man heute kaum noch findet. Die Einstel­lungen lassen Raum, die Montage vertraut auf Zeit statt auf Effekte. Yang zwingt nichts, er beob­achtet. Und gerade dadurch entsteht eine enorme emotio­nale Dichte. Die Wunden des Alterns, die Schnitt­stellen zwischen den Gene­ra­tionen, das stille Weiter­leben trotz aller vergeb­li­chen Lieben – all das wird nicht erklärt, sondern gezeigt.

Viel­leicht liegt die Größe von Yi Yi – A One and a Two genau darin: dass er keinen Trost anbietet und dennoch nicht verzwei­felt. Es gibt keine zweite Chance im Leben, sagt dieser Film. Weil man auch die zweite Chance, wenn sie denn kommt, ausschlägt. Und dennoch geht man nicht unter, sondern lebt weiter. Ein Leben mit all seinen Wieder­ho­lungen, seinen Fehlern, seinen offenen Fragen. Edward Yang hat mit Yi Yi ein Kino geschaffen, das nicht nach vorne drängt, sondern zurück­blickt – von hinten, über die Schulter, auf das, was uns geformt hat. Und gerade deshalb bleibt dieser Film, 25 Jahre später, so notwendig wie eh und je.