Review
Das Licht
Volle Dröhnung
Volle Dröhnung
In »Das Licht« wagt Tom Tykwer überbordenden Stilmix und Themen-Dauerregen – und kehrt trotzdem als befreiter Filmemacher auf die Kinoleinwand zurück
»Is this the real life? Is this just fantasy?« Tom Tykwer hat nach neunjähriger Abstinenz wieder einen Film fürs Kino gemacht: Das Licht. Der Film eröffnete im Februar die Berlinale, womit Tykwer nach 2002 (Heaven) und 2009 (The International) zum dritten Mal der Filmemacher des deutschen A-Festivals wurde. Tom Tykwers Lola rennt (1998) war ein internationaler Megaerfolg, von Kasse und Kritik gleichermaßen favorisiert und später Namenspatron für die Lola-Trophäe des deutschen Filmpreises (für den er jetzt nicht einmal nominiert wird, siehe unser artechock-Artikel).
Großer Erfolg kann aber auch eine kreative Bremse sein. Oft weil man plötzlich Geld in den Händen hält, von dem man vorher noch nicht einmal geträumt hat, deshalb das Register und das Land wechselt, international wird oder nach Hollywood geht. Wie Florian Henckel von Donnersmark, der nach Das Leben der Anderen (2006) nichts mehr gerissen hat und höchstens noch wohlwollende Kritiken für seine Werke ohne Autor hervorgerufen hat.
Auch Tom Tykwer hat seine beste Zeit mit Lola rennt besiegelt. Die tödliche Maria (1993), Winterschläfer (1997) waren davor erschienen und wurden als große Hoffnung für die Wiederbelebung des deutschen Autorenfilms gefeiert. Danach: wurde Der Krieger und die Kaiserin (2000) als gerade noch akzeptabel durchgewunken (hier unsere Kritik); und mit Heaven (2002) wurde offensichtlich, was auch in Tykwer steckt: Ein hoffnungsloser Romantiker mit einem großen Hang zum Esoterik-Kitsch (artechock-Kritik). Motto: Nur die Metaphysik kann den geworfenen Menschen aus seiner nicht selbstverschuldeten Schicksalhaftigkeit befreien. Tykwers Filme wollten die Menschen erlösen.
Erlösung von Tykwers Filmen
Dann aber kam Bernd von der Constantin und erlöste Tykwer von sich selbst. So zumindest muss man sich das wohl vorstellen, als Eichinger mit einem Millionen-Geldbatzen die Rechte von Patrick Süßkinds Mega-Bestseller »Das Parfum« erwarb und anschließend Tykwer als Regisseur und Sir Simon Rattle als Chef-Dirigent, der mit den Berliner Philharmonikern den Soundtrack einspielte, anwarb. Den kapriziösen Tykwer-Ausflügen in die Metaphysik setzte er mit dem bis dato teuersten deutschen Film mit einem Gesamtbudget von rund 50 Millionen Euro ein vorläufiges Ende. Tykwer wollte von nun an Erfolg.
So folgten auf Das Parfum die internationalen Großproduktionen The International (2009), Cloud Atlas (2012, zusammen mit den Wachowski-Brüdern) und Ein Hologramm für den König (2016). Die Filme wurden höflich gelobt, aber von vielen, die Tykwer einst verehrt hatten, noch nicht einmal angesehen. Auch die Kontroverse blieb ihm verwehrt, wie noch bei der Verfilmung von Patrick Süßkinds Roman, die die gesamte Filmkritik gegen sich aufgebracht hatte ob der Budgetverschwendung und Einfallslosigkeit bei der filmischen Umsetzung des Olfaktorischen. Günter Rohrbach hatte dazu unter dem Titel »Das Schmollen der Autisten« einen polemischen Artikel im »Spiegel« geschrieben, in dem er der Filmkritik »wachsende Ohnmacht« attestierte und die Filmkritiker als »eitle Selbstdarsteller« schmähte.
Dabei war die Filmkritik einfach nur enttäuscht.
In den vergangenen acht Jahren hat sich Tykwer dann um die bislang teuerste deutsche Fernsehserie »Babylon Berlin« gekümmert: ein sicherer Hafen für den bald Sechzigjährigen. Ein Kinofilm schien nicht mehr in Sicht.
Es wurde Licht
Und jetzt also: Das Licht. Titelgebend ist ein Stroboskoplicht, das mittels neuronaler Stimulation in den Gehirnregionen spirituelle Séancen real werden lässt. Es ist ein Medium für eine Art Tischerücken 2.0: Mittels des Lichts kann man Verstorbenen begegnen und sich in andere Räume tele… ach, was auch immer. Klingt nach dem alten Tykwer: dem Metaphysikgläubigen, dem einzigen deutschen Filmemacher, dem es mit der Erlösung der Menschen wirklich ernst ist.
Die Geworfenen sind diesmal eine dysfunktionale Berliner »Bobo«-Familie in fortgeschrittener Sinnkrise; ihre Altbauwohnung ist eine einzige Durchgangsstation, in der sich die rast- und ratlosen Familienmitglieder allerhöchstens kurz begegnen. Mutter Milena, facettenreich von Nicolette Krebitz gespielt, verfolgt in einer Entwicklungshilfe-NGO in Nairobi die Idee von einer gerechteren Welt; Vater Tim greenwasht große Unternehmen durch Gewissenskampagnen (die von seiner eigenen Gewissenlosigkeit zeugen). Lars Eidinger spielt ihn meist als nackten Menschen; kaum kommt er nach Hause, wirft er seine Kleider ab und wird zu einem, der alles gegeben hat. Dann sind da noch siebzehnjährige Zwillinge, Repräsentanten der Generation Z aka der »letzten Generation«. Frieda (Elke Biesendorfer) ist Klimaaktivistin und vergisst in hedonistischen Clubnächten die Realität, ihr Bruder Jon (Julius Gause) verschließt sich in seinem Zimmer und surft mittels VR-Games auf virtuellen Fluchtlinien aus der Wirklichkeit hinaus. Und dann ist da noch der kleine Dio (Elyas Eldridge) aus einer Affäre der Mutter mit einem Mann aus Nairobi – der von außen wie ein Gott (Achtung, sprechender Name) auf die Familie blickende »Bastard« der Bürgerschicht.
Auch sie sind allesamt Erlöserfiguren, nur eben in ihrem Schicksal heillos verstrickt. Und als Familie funktionieren sie überhaupt nicht. Weshalb sie eine Supernanny brauchen – und von ihr geheilt, oder in der Tykwer’schen Terminologie: erlöst werden müssen.
Auftritt von Farrah (Tala Al-Dee), einer geflüchteten Syrerin. Sie heuert bei der Familie als Haushälterin an, mutiert alsbald zum Kindermädchen bzw. zum Mädchen für alles und bringt durch aufmerksames Zuhören therapeutische Bewegung in Gang. Hier kommt die große Tykwer-Verklärung ins Spiel, die viele gegen den Film aufgebracht hat. Denn schließlich ist es die Frau aus dem globalen Süden, die der Familie aus dem ignoranten Norden dabei hilft, geheilt zu werden – dies jedoch in einer forcierten Dialektik. Denn wenn man den finalen Showdown betrachtet, ist es in Wahrheit die Familie aus der reichen Welt, die die Wunden der Syrerin heilen wird (was einmal Jordan Peeles Us horrifizierende Spiegelbildlichkeit evoziert). Farrah hat sich die Familie ausgesucht, damit ihr selbst geholfen wird – und nicht umgekehrt. Was den absichtsvollen Zynismus des Schlusses aber keineswegs tilgen kann. Die zentrale Rolle dabei spielt das Séancen-Stroboskop-Licht, dessen Hüterin Farrah ist.
Die Ignoranz der Satten
Der Film ist nach Tykwers internationalen Großausflügen erstmals wieder in Berlin angesiedelt – bis auf den etwas überflüssigen Nebenstrang, der uns nach Nairobi führt. Mit einem gleitenden Kameraflug auf die Berliner Hochhäuser beginnt der Film, aus den anonymen Wohneinheiten schält sich die Wabe von Farrah, in der sie vor dem zuckenden Licht sitzt. Sie lernen wir zuerst kennen, in ihrer beengten Plattenbauwohnung, die sie sich mit anderen Geflüchteten teilt. Erst dann gelangen wir in die mehr als geräumige Altbauwohnung der Familie Engels, in der die alte Haushälterin gerade unbemerkt an einem Herzinfarkt verstirbt – Sohnemann Jon ist in der virtuellen Welt und bemerkt nichts. Das ist die Ignoranz der Satten.
Der globale Süden, der ignorante Norden, die dysfunktionale Familie, die Klimagerechtigkeit, die Selbstgerechtigkeit, die Heilung: Das alles gibt für einen einzigen Film eine Menge angesagtes Holz. Keine Frage, Tom Tykwer fährt hier einen ausufernden Themenkomplex auf, der wie die dysfunktionale Familie selbst auseinander zu driften droht – würde er das Ganze nicht filmisch wieder einfangen und zu einem großartigen Spiel von sich widerstrebenden Kräften machen.
Film in der Zentrifugalkraft
Mit Parallelmontagen und schnellen Schnitten arbeitet der Film seiner eigenen Zentrifugalkraft entgegen, bringt die Figuren und mit ihnen die Themen immer wieder zurück in den Ruhepol der Altbauwohnung, die gleichermaßen Refugium und Bastion ist. Ein in fast jeder Außenszene niederprasselnder, sintflutartiger Regen zeigt die schicksalshafte Verbundenheit der dissoziierten Figuren – das erinnert an Robert Altmans Short Cuts (1993), wo die im Himmel stehenden Hubschrauber die Menschen zusammenklammerten. Bei Tykwer sind triefnasse, schwarzglänzende Ölponchos bildprägend, die als Running Gag mit großer Geste in den Innenräumen abgeworfen werden.
Was also ist das nur für ein Film? Er wandelt auf den Schnittstellen zwischen Welt und Vorstellung (hier Berlin, dort die bestmögliche aller Welten), zwischen Tragik und Komödie (hier die existenzielle Geworfenheit, dort der nackte Lars Eidinger, die absurden Dialoge, sogar der große Ernst wirkt komödiantisch) und zwischen Karikatur und, ja, Ernst.
Wer aber, bitte schön, kann das hier alles ernst nehmen? In vielen Interviews macht Tom Tykwer keinen Hehl daraus, dass es ihm mit den Themen seines Films sehr, sehr ernst ist. Ausgangspunkt für ihn war die eigene Haushälterin, von der er – wie er eines Tages erschrocken bemerkte – nichts wusste. Das schlechte Gewissen rührte sich, dazu kam die junge Generation, »der wir eine echt harte Aufgabe hinterlassen haben«, wie er im »Spiegel« sagt.
Und trotzdem schleicht sich eine Leichtigkeit und ein wohltuender Übermut in seinen Film ein. Sie verdanken sich der wilden und gefährlichen Montage, die jederzeit in einen absurden Stilmix überborden kann. Da tanzt und singt Nicolette Krebitz am hellichten Tag urplötzlich in einem bunten Klamottenreigen auf der Straße wie eine Cindy Lauper, da verlieren wir die referentielle Welt in der abstrakten Virtual Reality, durch die Jon surft, da macht das Filmbild auch einfach mal einer Comic-Sequenz Platz. Eine ziemlich wilde Mischung also, bei der nicht zuletzt Queens »Bohemian Rhapsody« das Leitmotiv vorgibt. Der Mix spiegelt für Tykwer auch die »Kakofonie der Gegenwart« wider – und schafft immer wieder echte Tykwer-Momente, in denen man sich an Lola zurückerinnert. Weil sie mutig sind.
Im besten Sinne maßlos
Das Komödiantische der einzelnen Figuren, das unerschrockene Spiel von Lars Eidinger und Nicolette Krebitz, und die mit großartigem Vorwurf aufgesagten Thesen-Sätze von Filmtochter Elke Biesendorfer gehören ebenfalls zur anderen Seite des Tykwer’schen Ernstes. Ästhetischer Genuss kommt durch verschwenderische Kinobilder hinzu, die ihm in den Jahren und Jahrzehnten mit den Super-Budgets selbstverständlich wurden. Allein, wie viel Geld hier wohl einfach nur als Dauerregen herniedergeht…
Mit überbordendem Themenpool und Stilmix ist Tom Tykwers Licht im besten Sinne maßlos. Tykwer macht sich damit auch hochgradig angreifbar, zumal er eine unmissverständlich »weiße« Perspektive einnimmt, die ihm bei der Gemengelage der Themen bereits zum Vorwurf gemacht wurde. Für Tykwer ist eben alles dann doch nur ein Gedankenspiel, das ihm nicht zu nahe kommt. In der Summe aber ist Das Licht ein mutiger und kreativer Befreiungsschlag aus jedwelchem allzuengen Plotgefängnis: Mit seinem Kino-Comeback kehrt Tykwer zur inszenatorischen Lust seiner Anfänge zurück.